Kultur | 14.02.2012

The Hawk is Howling

Text von André Müller | Bilder von zVg
Mogwai hat keinen Sänger. Die Band gibt sich dafür umso mehr Mühe, ihrer atmosphärischen, laut-leisen Musik Individualität einzuhauchen. Wer etwas Geduld und einen guten Bassverstärker mitbringt, wird von Mogwai mit dem besten belohnt, was der Post-Rock zu bieten hat.
Auf "The Hawk is Howling" (2008) sind Mogwai in ihrer ganzen Bandbreite zu hören.
Bild: zVg

1995, Kurt Cobain war bereits tot und Oasis starteten so richtig durch, gab es in Glasgow einige Jungs, die keine Lust auf Britpop hatten und dennoch etwas Neues kreieren wollten. Sie nannten sich bis auf weiteres Mogwai, nach einem chinesischen Wort für Geist. Sie verzichteten auf einen Sänger und brachten dafür eine ganze Batterie an Gitarren, Effektgeräten und Computerzeugs auf die Bühne. 1997 erschien ihr erstes Album “Mogwai Young Team”, mit dem sie in der Musikszene ein erstes Mal für Aufsehen sorgten. Ihre Songs bestanden (und bestehen) oft aus sehr wenigen langgezogenen Motiven, die sie über Minuten hinweg dynamisch aufbauen und verändern. Melodische, oft warme Bassläufe, ein zurückhaltendes Keyboard und simple, auf den richtigen Sound bedachte Gitarrenriffs füllen den ganzen Klangraum aus.

 

Ein Fundament aus Dynamik

Es sind diese stete Suche nach dem passenden Sound und das bis zum Letzten ausgereizte Spiel mit der Lautstärke, die Mogwai so einzigartig machen. Jeder Akkordwechsel wird ausgekostet, mit kleinen Veränderungen im Motiv erzeugen sie grosse Effekte. Dieses Spiel zeigten sie auf ihrem ersten Album und es ist noch auf dem neuesten Album (“Hardcore Will Never Die, But You Will”, 2011) zu hören. Über diesem Fundament hat sich Mogwai weiterentwickelt, im Gleichschritt mit der Computertechnik und ihrem persönlichen Geschmack.

 

Womit sollte man die Band kennen lernen? “The Hawk is Howling” (2008) gibt einen schönen Überblick über die ganze Bandbreite der Band. Hier gibt es brachiale und zarte, verzweifelte und optimistische Stücke zu hören. Das Album beginnt mit dem siebenminütigen Meisterwerk “I’m Jim Morrison I’m Dead”. Vier Minuten lang nimmt das Stück immer mehr an Fahrt auf, ein Soundgewitter braut sich zusammen, bis das leitende Keyboardmotiv endlich für Entladung sorgt und der Song erschöpft in schreienden Gitarren endet. Das folgende «Batcat« zeigt die kompromisslos laute, “Local Authority” und “Kings Meadow” die nachdenklich ruhige Seite der Band. Der sorgfältige Aufbau der Stücke zieht sich dabei als roter Faden durch das ganze Album. Es scheint, als müsste die Band den fehlenden Sänger kompensieren, indem sich jeder Musiker umso intensiver um den Klang seines Instruments, um die Variation in seinem Riff kümmert.

 

Bis in den musikalischen Wahnsinn

Zwei andere Songs des Albums stechen heraus. Zum einen das repetitive “The Sun Smells too Loud”, das wie ein lauer Sommerabend gute Laune mit sich bringt und nicht vorübergehen will. Zum anderen das nervenaufreibende “I Love You, I’m Going to Blow up Your School”. Es beginnt mit einem urfriedlichen Basslauf, der aber von einem ungemütlichen, vorwärts gerichteten Gitarrenriff abgelöst wird. Immer wieder zieht der Song in einer verzweifelten Note an und ebbt wieder ab, bis er kurz vor Schluss in ein wildes, verrücktes Klangmassaker ausartet. Welche Assoziationen die Band mit der Titelwahl nahelegen wollte, bleibt ihr Geheimnis. Mogwai hüten sich in Interviews tunlichst, ihre eigenen Songtitel zu interpretieren, weil jedes Bandmitglied einen anderen Bezug dazu habe. Mit diesem Titel scheinen sie aber den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben.

 

“The Hawk is Howling” ist keine Musik fürs Radio oder den MP3-Player. Am Radio würde die Band eher langweilig klingen, mit Ausnahme vielleicht des neuesten Albums. Um Mogwai in ihrer ganzen Bandbreite zu erfahren, braucht es jedenfalls einen soliden Bassverstärker, Unvoreingenommenheit und eine Stunde Zeit. Wer das alles zusammenbringt, wird aber mit einem einmaligen musikalischen Erlebnis jenseits der Rockmusik belohnt.

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