Kultur | 13.02.2012

“Sie können damit anfangen, was Sie wollen”

Text von Charlotte Hoes
Mitten in einer romantischen Bergwelt kommt es zu einer Serie an Morden an kleinen Mädchen. Das Schauspielhaus hat sich der Geschichte von Friedrich Dürrenmatt angenommen und sie ansprechend in Szene gesetzt.
Die Polizei tappt im Dunkeln, wer hinter den Morden stehen könnte. Zur Verfremdung werden die Schauspieler immer wieder direkt in das Bühnenbild mit einbezogen. Fotos: Toni Suter T+T Fotografie

Das Mädchen ist der menschliche rote Faden, der durch das Stück führt und immer irgendwie präsent ist. “Sie können mit dieser Geschichte anfangen, was Sie wollen” – mit den Schlussworten des Romans von Friedrich Dürrenmatt beginnt das Stück, bevor das Opfer Lily (abwechselnd gespielt von Paula Blaser und Anna-Lou Caprez-Gehrig) sich mit Kunstblut beschmiert, sein gelb geringeltes Kleid zerreisst und an den Tatort drapiert wird, der zeitgleich von den übrigen Darstellern hergerichtet wird.

 

Die Szenen wechseln vor dem immer gleichen Bühnenbild. Eingeengt von grossen, silbernen Bergen lässt Regisseurin Daniela Löffner ihre Charaktere durch das Stück wandeln. Dass Theater gespielt wird, ist dabei immer präsent. Die Darsteller stellen den Tatort erst selbst her, sie selbst sorgen für Hintergrundgeräusche und nötige Wasser- und Nebelschwaden. Immer sind sie alle auf der Bühne und beobachten. Durch diese Art der Verfremdung hält der Zuschauer immer Distanz zum Geschehen und wird doch stets mitgerissen.

 

Überzeugendes Schauspielensemble

Im Zentrum steht der grossartige Markus Scheumann, der den Kommissar Matthäi zunächst unnahbar, beinahe gleichgültig gibt. Erst als er von der Mutter zu seinem Versprechen gebracht wird, lässt der Mord ihm keine Ruhe mehr. Er will den wahren Mörder der kleinen Lily finden, dabei geht es nicht mehr um das Mädchen und auch nicht um Anne-Marie, die sein Lockvogel werden soll. Das Lächeln, welches er später ihr gegenüber aufsetzt, ist bloss Mittel zum Zweck. Scheumann legt seine Figur im Zwielicht an und bleibt bis zum Schluss nicht ganz zu fassen.

 

Die übrigen Darsteller bekleiden gleich mehrere Rollen, springen in ihnen hin und her und überzeugen jeder einzelne immer wieder von neuem. Wie beispielsweise Jirka Zett; am ganzen Körper bebend, wenn er den behinderten von Gunten spielt und beängstigend entrückt in der Rolle des Serienmörders Albert, der nur das tut, was der Himmel will. Grandios auch Isabelle Menke, die ihren Albert ermahnt, dass er sich mit Dreien nun zufrieden geben solle, nachdem sie kurz zuvor die Ärztin spielte, die Matthäi warnte, dass der Wahnsinn, als Methode des Ehrgeizes, ihm zum Verhängnis werden könne.

 

Auch Nicolas Rosat, Julia Kreusch und Milian Zerzawy liefern intensive Darstellungen. Wenn beispielsweise Henzi, Matthäis Nachfolger, das endlose Warten nicht mehr aushält und seine Wut in verbaler Brutalität an dem Mädchen auslässt. Zuvor hatte es wie ein Leierkasten immer dasselbe Lied wiederholt und damit sogar das Publikum genervt.

 

Eindringliche Darbietung

Die Stimmungen auf der Bühne wechseln, wie die Schauspieler in ihren Rollen. Komisch bis grotesk sind einige Bewegungen und Dialoge einstudiert. Wenn man es auch sonst nicht erwartet hätte, wird doch viel gelacht, um dann in der nächsten Szene einer raumfüllenden Stille zu weichen. Immer bleibt es eindringlich.

 

Mal fliessen die Szenen rasant ineinander über, dann schweben sie beinahe wie Zeitlupe durch den Raum. Surreal tanzt dann das kleine Mädchen, welches Matthäi als Lockvogel aussendete, mit dem Mörder. In eine unerträgliche, bewusst inszenierte Länge zieht sich anschliessend das Warten auf den Mörder, der nicht kommen wird, weil er kurz vorher bei einem Autounfall ums Leben kommt. Aber Matthäi wartet. Scheumann lässt ihn die Beine zittern und einen roten Kopf vor Erschöpfung bekommen: Er wartet. Bis schon die Bühne abgebaut wird.

 

Die Adaption von Dürrenmatts Stück im Schauspielhaus Zürich ist speziell, merk-würdig und unterhaltsam.

 

Info


Noch bin am 05. April wird “Das Versprechen” im Schauspielhaus aufgeführt.