Gesellschaft | 28.02.2012

Morgestraich – vorwärts marsch!

Text von Nadine Lobsiger | Bilder von Oliver Hochstrasser
Familie Trüeb aus Basel ist regelrecht verrückt nach Fasnacht. Während Vater und Sohn schon alte Fasnachtshasen sind, nimmt die Mutter in diesem Jahr zum ersten Mal aktiv an der Fasnacht teil. Gemeinsam mit Mann und Sohn steht sie um drei Uhr am Basler Marktplatz. Tink.ch begleitet die Familie am Abend und in den Stunden vor dem Morgestraich.
Mutter Annalies Trüeb ist zum ersten Mal aktiv an der Basler Fasnacht dabei, Vater Urs und Sohn Stephan sind schon alte Hasen.
Bild: Oliver Hochstrasser

Zum ersten Mal treffen wir Famile Trüeb am 26. Februar abends vor einem Restaurant in der Basler Innenstadt. Familie Trüeb, das sind Vater Urs, Mutter Annalies und Sohn Stephan. Die drei machen sich mit ihrer Clique auf den Weg zum Münster, wo sich die Laternen befinden. Dieses Ritual findet zu dieser Zeit in der ganzen Stadt hundertfach statt und nennt sich Laternen einpfeifen. Früher marschierte die Clique zum Atelier des Künstlers um die Laterne abzuholen, doch da diese oft weit ausserhalb lagen, werden die Laternen heute in Gehdistanz zum Stadtzentrum deponiert. In gemächlichem Schritt zieht die Gruppe noch ohne Kostüme durch die Stadt und pfeift die durch das Jahr geübten Märsche. Beim Münster angekommen werden die Laternen verhüllt und wiederum pfeifend zur Hauptpost gebracht, wo sie über Nacht eingeschlossen werden, damit sie vor Vandalismus geschützt und für den Morgestraich bereit sind.

 

Die Laternen, das sind grosse, mit speziellem Stoff bespannte Holzgestelle, die von Malern mit ausgewählten Sujets in aufwändiger Handarbeit und unzähligen Arbeitsstunden bemalt wurden. Früher wurden sie von jeweils vier Männern auf den Schultern getragen. Heute ist dieses Bild selten geworden und die meisten Laternen werden auf einem Gestell mit Rädern durch die Stadt gezogen.

 

Von der Waffeninspektion zum Volksfest

Die Clique, welcher Urs und Stephan angehören, ist die Märtplatz-Clique. Dabei handelt es sich um eine reine Männerclique, bei welcher Personen unterschiedlichster Herkunft und Alters gemeinsam Freude an Musik und Geselligkeit haben. Zwischen Ostern und Fasnacht treffen sich die Männer jeden Freitag zu wöchentlichen Proben.

Noch eineinhalb Stunden dann heisst es: “Morgestraich – vorwärts marsch!” In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war der Morgestraich eine geheime Waffeninspektion auf dem Kasernenareal. Heute ist es der Beginn der in Basel als die “drey scheenschte Dääg” bezeichneten Fasnacht. Dieses Jahr werden sich laut Auskünften des organisierenden Comité etwa 12’000 Personen in organisierten Gruppen zum Gelingen der Fasnacht beitragen. Dazu kommen noch ungefähr 5’000-6’000 weitere Personen in kleineren Grüppchen oder Familien und Tausende von Zuschauern am Strassenrand.

 

Vorfreude ist die schönste Freude

Wir treffen Stephan um 2.45 Uhr bei sich zu Hause und schlendern gemütlich den Spalenberg hinunter zum Marktplatz, wo er sich mit seiner Familie trifft. Es ist seine zwanzigste Fasnacht, doch auch als alter Hase beschreibt er ein Gefühl von Aufregung und wirklich gut geschlafen hat er in den Stunden vor dem grossen Ereignis nicht. Für diese frühe Tageszeit ist er sehr munter und erzählt von vergangenen Jahren, besonders schönen Erlebnissen und seinem persönlichen Fasnachtsempfinden. Die Fasnacht war für ihn schon immer wichtig: Mit neun Jahren konnte er zwölf Fasnachtsmärsche auswendig pfeifen, nahm in kommenden Jahren erfolgreich am offiziellen Preistrommeln und -pfeifen teil und schrieb im letzten Jahr seinen eigenen Marsch, der nun auch von anderen Cliquen gespielt wird.

 

Für Vater Urs ist es die 45. Fasnacht. Von Aufregung ist da keine Spur mehr. Die Vorfreude ist jedoch nach so vielen Jahren noch immer gewaltig. Fasnacht ist eine Leidenschaft, die das Leben in verschiedenen Hinsichten prägt. Auch im Familienleben hat sie ihren festen Platz. So nimmt Mutter Annalies dieses Jahr zum ersten Mal aktiv im Vortrab einer Clique an der Fasnacht teil. Mittendrin möchte sie sein, und nicht nur nebendran. Bereits acht Stunden vor dem Morgenstraich ist sie ganz unruhig und zählt die verbleibenden Stunden.

 

Countdown zum Morgenstraich

3.15 Uhr: Annalies hat sich verabschiedet und ist unterwegs zu ihrer Clique. Urs und Stefan setzen sich für Kaffee und ein erstes Bier in eine Beiz. Langsam werden alle wach, die zwei unterhalten sich mit Freunden und Bekannten. Überall treffen sie bekannte Gesichter und fleissig werden Hände geschüttelt. An unserem Tisch ist von Nervosität keine Spur – Vorfreude liegt in der Luft.

3.45 Uhr: Es ist Zeit für letzte Fragen, danach wird vor dem Lokal mit Piccolo und Larve, der typischen Basler Verkleidung, eingestanden. Je näher vier Uhr rückt, desto ruhiger wird es in den Gassen. Als der Vier-Uhr-Schlag ertönt, erreicht die Spannung ihren Höhepunkt. Pünktlich erlöschen in der ganzen Basler Innenstadt sämtliche Lichter und die Cliquen setzen sich pfeifend und trommelnd in Bewegung.

Die Märtplatz-Clique zieht in Richtung Barfüsserplatz davon. Nachdem wir ihnen ein Stück gefolgt sind, kommt es dem Motto der diesjährigen Fasnacht “S’glemmt” entsprechend zu einem Stau und wir verlassen die Clique für einen Moment, um noch andere Eindrücke in uns aufzusaugen.

4.45 Uhr: Nachdem sich der Stau wieder aufgelöst hat, ist die Clique im Barbara-Keller angekommen – dem ersten von 4 Halten auf ihrer Route für den Morgenstraich.

Man setzt sich an die Tische, Serviceangestellte rennen umher, es wird Bier, heisse Ovo, Tee und Punsch getrunken, Mehlsuppe Käse- und Zwiebelwähe gegessen und viel gelacht. Jeder kennt jeden, es werden Sprüche geklopft und Geschichten erzählt. Wo man hinschaut, sieht man glückliche und müde Gesichter.

Gegen 5.15 Uhr: Das Horn zum Aufbruch ertönt. Die Männer stehen erneut ein um sich zu den Klängen von Piccolo und Trommel langsam ihren Weg durch das Gedränge zu bahnen. Annalies ist derweil mit ihrer Clique irgendwo in der Menschenmenge der Basler Fasnacht unterwegs. Gefunden haben wir sie nicht mehr, doch bei Nachfrage haben wir erfahren, dass ihre erste aktive Teilnahme an der Fasnacht unvergesslich war.