Kultur | 27.02.2012

Mehr Stoff darf es sein

Text von Michelle Stirnimann | Bilder von zvg
Mit den Liedern des Berner Urgesteins Polo Hofer, läuft neben "Ewigi Liebi" ein zweites Mundartmusical auf der Bühne in der Bernexpo Halle. In Handlung und Umsetzung weist "Alperose" fundamentale Schwächen auf. Einzig die Nebenschauplätze lassen die nostalgischen Berner Herzen höher schlagen.
"Lotti Lotti - Du weisch i wott di".
Bild: zvg

“Ewigi Liebi” läuft in der fünften Spielsaison und ist mit über 1,5 Millionen Besuchern das meistgesehene Musical in der Schweiz. Mit “Alperose” ist nun ein zweites Heimatmusical, ausschliesslich mit Mundarthits von Alttroubadour Polo Hofer auf der Showbühne. Alles abgekupfert? Nicht ganz. Zwar dreht sich die voraussehbare Story um Liebe, Sehnsucht, Träume und Bern im Kreis, begeistert aber mit Detailreichtum Lokalpatrioten und altgewordene Hofer-Fans. Mattequartier, Marzili und Kirchenfeldbrücke kommen ebenso vor wie Polos grösste Hits.

 

Sexy Sekretärinnen?

Erzählt wird eine langfädige Liebesgeschichte mit einer guten Portion Lokalpatriotismus: Der freiheitsliebende aber eigentlich feige Tagträumer Pesche lässt seine Freundin Lorraine zuhause sitzen und haut ab. Er geht reisen, weit weg. Lorraine weint sich an der Schulter ihres besten Freundes Johnny aus, sie werden ein Paar. Pesche überlegt es sich anders, kommt zurück und sieht seine verflossene Liebe wieder: Das Gefühlschaos ist perfekt. Lorraine beginnt unter der Gefühlsachterbahn zwischen den Fronten zweier Möchtegern-Machos zu rauchen, bevorzugt Alkohol wieder gegenüber dem Kamillentee – Lotti, ihre beste Freundin, bringt es auf den Punkt: das Karma ist kaputt.

 

Das Karma leidet aber noch unter einer anderen Tatsache. In “Alperose” wird Haut gezeigt. Zu viel Haut. Und wenn man sich in den völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Tanzeinlagen der sexy Sekretärinnen wiederfindet, glaubt man sich eher in einer Burlesque-Show, denn in einem Heimatmusical. Die erotischen Tanzeinlagen sind heiss. Zu heiss. Zumal sie der Handlung nicht wirklich zuträglich sind.

 

Ein Stück (für) Bern

Es sind die Details, die Stadtberner Herzen höher schlagen lassen. Die Klischees und Kultobjekte, die mehr oder weniger versteckt auftauchen. Das rote Combino-Tram von Bernmobil auf der Kirchenfeldbrücke, der Kiosk im Marzilibad, welcher aber vielmehr jenem aus dem Aarebad Lorraine stilecht nachempfunden ist. Die Beiz “Pot du Feu” erinnert stark an das Kultcafé “Les Pyrenées”, Polo Hofers Stammlokal. Die Kulissen und Bühnenbilder sind denn auch das Beste an “Alperose” und lassen zumindest ein wenig Heimatstimmung aufkommen.

 

Daneben vermag das Stück einzig mit wenigen schauspielerischen Einzelleistungen zu begeistern. Allen voran etwa der Urberner Heiri, der doch eigentlich nur seine zwei, drei, vier Feierabendbier in der Beiz geniessen will. Durch markige Machosprüche und Kommentare wird er schnell zum Publikumsliebling. Oder das bernische Pendant zu Freddy Hinz, der mit der Frage “Hesch mr e Stutz?” die ganze Badi auf die Palme bringt. Trotzdem wirkt “Alperose” langfädig. Hits sind so interpretiert, dass sie keine Hits mehr sind, die Handlung kann man sich schenken. Und so lässt sich das Publikum gerne ablenken. Vom Taucher etwa, der im Schwimmbad seine Runden dreht. Da gibt es dann schon mal Szenenapplaus.

 

Das Ganze wird untermalt durch knapp zwei Dutzend Stücke aus dem Repertoire des Alt-Rockers und Berner Liedermachers Polo Hofer. Die Produzenten haben sich dabei aber nicht auf die landläufigen Hits wie “Giggerig” oder “Teddybär” beschränkt, sondern tief in Hofers Musikarchiv gegriffen und Unbekanntes wie Altes integriert.

 

Der Akzent mit Akzent

Doch es fehlt nicht nur ein wenig Stoff in der Handlung und um die Oberschenkel der Darstellerinnen. Das Musical weist fundamentale Schwächen auf: Die Hofer-Hits sind meist schlecht interpretiert und umgesetzt. Und bei einem solch unerfahrenen Team kommt es schon mal vor, dass ein Ton nicht auf Anhieb getroffen wird. Die Tanzschritte sitzen nur einigermassen, die fröhliche Stimmung auf der Bühne wirkt gekünstelt und in der Technik schleichen sich Fehler ein. Zu laute oder gar übersteuerte Mikrophone, schlechte Abmischung – die Show wirkt zuweilen unprofessionell, die Protagonisten zumindest stellenweise laienhaft und unsicher.

 

Auch bei der Aussprache und Betonung des berndeutschen Dialektes hapert es noch. Das typische Berner Wort “Äuä” will geübt sein. Sollte das Musical ebenso viele Besucherinnen und Besucher anlocken wollen wie “Ewigi Liebi”, haben die Darsteller noch ein bisschen Zeit, Abläufe, Rollen und Dialekt besser kennenzulernen. Bis dahin beantworten wir die Frage, ob man das Musical besuchen soll, mit “Äuä (scho)”.