Kultur | 21.02.2012

“Ich glaube nicht, dass ich die Welt verbessern kann”

Text von Martin Sigrist
Der 22-jährige Rotschopf Max Prosa hat eben sein erstes Album veröffentlicht und beweist damit, dass junge Lockenköpfe mehr drauf haben als nette deutsche Songs. Tink.ch traf den Berliner in Zürich und sprach mit ihm über die Funktion, die Inspiration und die Ergebnisse seiner Musik.
Auf seine Texte angesprochen bleibt Max Prosa bescheiden: "Man kann ja nicht immer das Rad neu erfinden". Max im Interview mit Martin Sigrist (links). Fotos: Martin Sigrist (oben), Cristina Vega.

An einem windig verschneiten Nachmittag in einer Kneipe irgendwo an der Zürcher Langstrasse verschwindet gerade der letzte Löffel Hirsesuppe zwischen den roten Locken von Max Prosa.

 

Tink.ch: Max, wie geht’s dir?

Max Prosa: Ach, gut geht’s. Wir sind unterwegs und gestern in Stuttgart habe ich erstmalig realisiert, dass wir vor 250 Leuten spielen. So viele waren noch nie auf einem Max Prosa Konzert, das ist echt Wahnsinn. Und das geht noch weiter, das wird schon krass.

 

Du warst davor als Vorgruppe von Clueso auf Tour. Wie ist die erste eigene Tour?

Es ist ganz was anderes als Vorgruppe von Clueso, denn da kommen die Leute wegen ihm. Man hat nur kurz Zeit, sich zu präsentieren und zu zeigen was man macht. Das war für uns total cool, aber jetzt sind die ganzen Leute wegen uns da.

 

Auf dem Cover deines ersten Albums “Die Phantasie wird siegen” regnet es Konfetti, auch in Deinem Leben?

Ja, im Moment ist alles total bunt, und Konfetti ist unterschiedlich geformt, fliegt durcheinander, ist ein kreatives Chaos. So ist mein Leben im Moment zum Teil auch, war es eigentlich schon immer. Chaos ist eine Grundbedingung für Kreativität, gerade daraus entwickelt sich Kreativität.

 

Als Bestätigung für dein Album hast du mal die Anerkennung deiner “Hipstermitbewohner” genannt.

Hipster waren das nicht, aber eine besondere Szene von Leuten, in Berlin Neukölln, wo ich gewohnt habe. Die haben andere Musik gehört, hatten andere Vorlieben. Aber ein richtig guter Song zieht sich durch alle möglichen Arten von Künsten, wie ein richtiges gutes Bild. Das war für mich eine hohe Messlatte und wenn sie meine Musik mochten, war das schon eine Bestätigung.

 

Max nimmt das CD-Booklet, liest die Danksagungen durch und erwähnt, dass er jemanden vergessen habe.

 

Du wirst mit vielen Musikern verglichen, kannst du das noch hören?

Es kommt drauf an. Ich weiss nicht, worauf diese Vergleiche beruhen. Weil ich eine Akustikgitarre um habe und ein Mundharmonikagestell trage, denken viele gleich an Bob Dylan. Es gibt diese oberflächlichen Vergleiche und jene wegen der Tiefe und Symbolik in den Texten. Darum mache ich mir nie was draus, wenn jemand einen solchen Vergleich zieht. Die Musik besteht aus sich selbst heraus. Klar habe ich wie jeder Künstler gewisse Einflüsse und bastle mir daraus mein Universum zusammen, aber schlussendlich ist es trotzdem das, was ich mache. Leute müssen Musik aber auch vergleichen, um etwas einordnen zu können.

 

Man braucht immer eine Schublade für alles.

Das ist ja auch cool, aber es geht um die Musik und nichts Äusseres. Es gibt auch Leute, die tüten mich unter die Lockenköpfe-Generation mit Tim Bendzko und den ganzen Leuten. Ich glaube, da geht’s nicht um die Musik, da geht’s um etwas Äusseres, was nicht im Vordergrund stehen soll.

 

Was sind denn deine Inspirationen? Was beschäftigt dich am meisten?

Ich lese viel, schreibe mir dann Sätze raus, die für mich eine besondere Bedeutung haben und mich interessieren. Daraus entsteht ein besonderer Gedanke für ein Lied. Aus dieser Zusammensetzung folgt dann quergelesen ein Chaos. Das führt mich zu neuen Grundgedanken für Lieder. Das ist wie ein Samen, den man in die Erde pflanzt und dann guckt, was es noch braucht.

 

Sind die Einfüsse der Textfragmente noch erkennbar?

Es gibt scharfsinnige Leute, welche schon die kleinsten Sachen erkannt haben, das finde ich echt erstaunlich. Man kann ja nicht immer das Rad neu erfinden. Es gibt überall kleine Fragmentfetzen, die von etwas inspiriert sind, die bei anderen Leuten vielleicht ganz unabhängig von mir ganz ähnlich entstanden sind. Es ist ja alles schon gesagt worden, aber es ist die Frage, wie es gesagt wird.

 

Was möchtest du denn noch sagen?

Ich schaffe Strukturen, in denen sich die Leute mit ihrem Leben in dieser chaotischen Welt wiederfinden und selber einordnen können. Es ist ein Gefühl von “du bist nicht allein”, das ist alles. Dahinter ist keine politische Message. Ich glaube nicht, dass ich die Welt verbessern kann, denn sie besteht aus Einzelteilen. Jeder muss für sich gut sein, damit es insgesamt besser wird. Vielleicht bewirkt das meine Musik ein bisschen.

 

Siehst du deine Musik als Mauer gegen die Welt?

Ja, da gibt’s eine Zeile in einem Lied, “da bleibt nur die Enklave der eigenen Phantasie”. Die Leute werfen mir dann Eskapismus vor, aber genau das soll es sein. Diese eigene kleine Welt, die aus einem ganz anderen Netzwerk besteht als etwa das Internet, ist eher ein Gefühlsnetwerk von Leuten, bei denen man eine Vertrautheit erkennt, auf die man reagiert, wenn man sie sieht. Für diese Welt ist die Platte gemacht. Die Phantasie kann nur in einer solchen Welt bestehen und schwerlich in einer groben und gross vernetzten Welt, wo man den Überblick verliert. Die Phantasie besteht in einem selber und darauf zielt die Platte ab. Da ist andere Musik eher für das grosse Netzwerk geschaffen, wo es darum geht, eine oberflächliche Struktur zu schaffen um damit Leute zu verbinden, indem sie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner kommen können. Meine Musik ist genau das nicht, aber erstaunlicherweise hat sie Anklang gefunden. Sie ist für jeden Einzelnen in seiner kleinen Welt.

 

Kommst du über die Mauer, wenn du live spielst?

Ja, aber bei einem Liveauftritt spiegelt man sich trotzdem in jedem einzeln wieder. Das ist, wie wenn ich eine Holzfigur baue und jeder sein Tuch drüberwirft und etwas anderes darin sieht. Meine Geschichte, die ich über die Holzfigur werfe, woraus diese Holzfigur überhaupt erst entstanden ist, ist auch nur eine von vielen. Die Geschichte ist für jeden individuell, jeder sieht in einem Song was anderes.

 

Die Texte sind auch nicht konkret genug, damit alle dasselbe darin sehen könnten.

Das ist mir wichtig, denn so brauchen sie die Phantasie der Zuhörer. Da wird von den Leuten Energie gefordert. Bei den Konzerten bin ich als Projektionsfläche noch unmittelbarer, die Leute sind dann noch unmittelbarer konfrontiert. Sie projizieren aber trotzdem, und dafür ist die Musik gedacht.

 

Gibt es Dinge, die du nicht auf dich projiziert haben möchtest?

Nö, ich will einfach, dass sich die Leute mit ihren Projektionen beschäftigen. Ich bin aber keinem böse, der mich einfach in diese deutsche Lockenkopfwelle steckt, denn Oberflächlichkeit hat auch ihr Gutes. Die Leute machen das um sich zu schützen.

 

Wettbewerb


 

Tink.ch verlost dreimal das Debutalbum von Max Prosa, “Die Phantasie wird siegen”. Schickt für die Teilnahme eine Mail an martin(punkt)sigrist(ät)tink(punkt)ch mit dem Betreff Max Prosa. Vergesst Eure Postadresse nicht. Einsendeschluss ist der kommende Sonntag, 26.2.2012.

 

Max Prosa, Die Phantasie wird siegen, Columbia, Sony Music

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