Gesellschaft | 20.02.2012

Ein unmögliches Treffen

Text von Veronika Henschel | Bilder von JMG/pixelio.de
Die Mühlen der Bürokratie mahlen bekanntlich langsam. Doch manchmal frage ich mich schon, ob sie denn überhaupt mahlen. Nachdem mein Antrag auf Einbürgerung fristgerecht eingereicht wurde, teilte man mir mit: Ende Monat sei die Gemeindeversammlung, danach wisse ich mehr. Teil drei der Serie "Ich lasse mich einbürgern".
Bis unsere Reporterin den Schweizerpass hat, gehen wohl noch einige Tage ins Land.
Bild: JMG/pixelio.de

Das Ende des Monats kam. Der Anfang des nächsten Monats kam auch. Eine Nachricht kam jedoch nicht. Mit jedem Tag wurde ich unruhiger, sodass ich mich schliesslich zu einem Anruf bei der Gemeinde durchrang. “Mutterschaftsurlaub, hier spricht die Vertretung. Hm, keine Ahnung. Rufen Sie morgen noch mal an.” Am nächsten Tag: “Nein, die Sitzung ist noch nicht gewesen, die findet irgendwann in den nächsten drei Monaten statt, ja, natürlich bekommen Sie Bescheid. Nein, Sie müssen da nicht anwesend sein.”

 

Kaffeeklatsch oder Verhör?

Ich legte auf, vergass das Ganze und plante meine Ferien. Nach Amerika sollte es gehen, für einen Monat. Gebucht, gepackt, geflogen. Kaum drüben, kommt eine Mail aus der Heimat, ein eingescannter Brief von der Gemeinde, nachgeschickt von meiner Familie. “Sehr geehrte Frau Henschel, Sie haben vor ungefähr einem halben Jahr das Gesuch auf Einbürgerung gestellt. Gerne möchten wir Sie näher kennen lernen, Fragen zur Einbürgerung stellen und Ihre Beweggründe zum Einbürgerungsgesuch erfahren. Deshalb laden wir Sie zu einem Gespräch ein.” Zu diesem Treffen sollen ein Betreibungsregisterauszug sowie ein Steuerregisterauszug mitgebracht werden. Anscheinend soll das helfen, mich näher kennen zu lernen.

 

 

Es läuft mir kalt den Rücken hinunter. Die Formulierung des Briefes klingt in meinen Ohren wie: “Wir werden Sie verhören, und wenn Sie auch nur ein falsches Wort sagen, dann…!” oder “Das wird ein Test. Ihr Test. Sie dürfen Ihn nicht vermasseln, das würde Sie zum schwarzen Schaf machen. Wir werden auf alles achten: Ihre Ausdrucksweise, Ihre Schuhe, Ihre Frisur und Ihre Grammatik.” Ein Albtraum.

 

 

Ich frage mich, wieso ich so viele Dokumente ausgefüllt, Fragen beantwortet und mein komplettes Leben aufgezeichnet habe? Und wofür habe ich ein Motivationsschreiben verfasst, in dem ganz genau meine Beweggründe zur Einbürgerung dargelegt sind? Soll dieses Treffen doch eher ein gemütlicher Kaffeeklatsch werden, bei dem der Einbürgerungsrat innerhalb einer Stunde versuchen möchte, mich als ganzen Menschen fernab der Bürokratie kennen zu lernen?

 

Ausländerin im Ausland

Meine Augen wandern zum Datum auf der Einladung. Die Sitzung findet in gut zwei Wochen statt. In gut zwei Wochen befinde ich mich laut Flugticket zwischen Kansas und New York City. In gut zwei Wochen werde ich mich mit Amerikanern über die schöne Schweiz unterhalten, die unbedingt einen Besuch wert ist. Ich werde erzählen, dass dort ja so viele nette, höfliche Menschen wohnen und dass die Schokolade wirklich gut ist. Ich bin jetzt seit mehr als 10 Jahren in der Schweiz und noch nicht 20-jährig. Man hatte mir gesagt, dass unter diesen Umständen die sogenannte “Besondere Einbürgerung” in Kraft trete, bei der das Interview vor dem Einbürgerungsrat wegfällt. Anscheinend ist dies jetzt doch nicht der Fall.

 

 

Fakt ist jedenfalls: Ich soll in gut zwei Wochen vor dem Einbürgerungsrat erscheinen. Das wiederum kann ich jedoch auf gar keinen Fall. Auf meine Mail, die mein Bedauern ausdrückt, antwortet die Gemeinde: “Wie schade. Der Einbürgerungsrat tagt leider nur einmal jährlich. Da werden Sie wohl warten müssen.” Panisch frage ich zurück, ob es denn keine andere Möglichkeit gäbe. “Naja, wenn Sie Glück haben, treffen die sich noch mal, vielleicht im Juni, Juli oder August.”

 

 

Ich bin nicht wirklich beruhigt und bitte sie, mich auf dem Laufenden zu halten. Den Urlaub im Sommer schminke ich mir schon mal ab. Mit diesem wird es nämlich nichts, will ich das kleine blaue Kärtchen jemals noch selber in den Händen halten.

 

Zur Autorin


Veronika Henschel ist neunzehn Jahre alt. Sie lebt und studiert in Basel. Als Kind deutscher Eltern ist sie mit neun Jahren in die Schweiz gezogen. In der Ostschweiz zur Schule gegangen, spricht sie zwar breitesten Toggenburger Dialekt, hatte aber bis anhin nicht die Schweizerische Staatsbürgerschaft inne. Auf Tink.ch berichtet sie in einer losen Serie von ihren Erfahrungen im Umgang mit den Behörden, der Schweiz und mit sich selber. Heute erscheint der dritte Teil dieser Serie.