Kultur | 28.02.2012

Ein Album ohne Ausfall

Text von Tobias Söldi | Bilder von zVg
Dass diese Scheibe keine allzu spassige Angelegenheit sein wird, macht schon der Titel deutlich: Das Album ist der durch eigene Hand gestorbenen Mutter von Tricky, Maxine Quaye, gewidmet. Von dieser drückenden Prämisse sollte man sich aber nicht abschrecken lassen: "Maxinquaye" von 1995 ist und bleibt ein Meisterstück des Trip-Hop.
Die Atmosphäre auf "Maxinquaye" lässt sich beinahe mit Händen greifen, so dicht ist sie.
Bild: zVg

„Hell is round the corner where I shelter“, singt Adrian Thaws alias Tricky im gleichnamigen Song „Hell is round the corner“. Wobei: Singen kann man das nicht wirklich nennen, auch nicht rappen. Es ist eher eine besondere Art des Sprechens. Brummelnd, lethargisch, dunkel, depressiv, rhythmisch. Wie ein angeschossenes, wildes Tier, das sich mit letzter Kraft vorwärtsbewegt und vergeblich vor seinen Verfolgern zu fliehen versucht, so schleppt sich Trickys Stimme durch die Songs – man höre sich dazu etwa „Strugglin'“ an. Kontrastiert wird seine tiefschwarze Stimme vom hellen, klaren Gesang von Martina Topley-Bird. Die stimmlichen Gegensätze lösen sich wie von Geisterhand auf. Schwarz gegen weiss, männlich gegen weiblich, dunkel gegen hell: Aus dem Gegeneinander wird ein Miteinander. Wie die Körper zweier innig Liebender schmiegen sich die doch so unterschiedlichen Stimmen in „Abbaon Fat Tracks“ aneinander und verschmelzen zu einer Einheit. Das ist vielleicht der Unterschlupf („shelter“), die Zuflucht, der letzte Ort des Trostes vor der Hölle, die sich, gefährlich nahe, gerade um die Ecke befindet. Trickys in Tönen wiedergegebene Hölle ist schummrig, lasterhaft, düster, definitiv verführerisch und wohl von dicken Rauchschwaden der einen oder anderen illegalen Substanz durchzogen. Er war dort und hat uns aus seiner Hölle dieses göttliche Album mitgebracht.

 

Zerrissenheit statt Gemütlichkeit

Wenn die Hölle so klingt wie auf „Maxinquaye“, dann muss diese sich irgendwo in der Nähe von Bristol (UK) befinden. Denn dort – so sagt man – entstand das Genre Trip-Hop, und von dort kommt die heilige Dreifaltigkeit des Trip-Hop: Tricky, Massive Attack und Portishead. Trip-Hop hat seine Wurzeln im Hip-Hop – das schon fast rockige „Black Steel“ etwa ist ein Cover der Rap-Urgesteine Public Enemy. Das Genre verzichtet aber meist auf Rap und setzt dafür verstärkt auf weiblichen Gesang und – wie im Falle von Tricky – auf manisches Murmeln. Das Tempo wird gedrosselt, die Beats sind hypnotisch, und die Musik lädt eher zum melancholischen Zurücklehnen ein als zum fröhlichen Händewippen. Doch gemütliche Hintergrundmusik ist das nicht: Zweifel, Schmerz und Trauer überschatten die Musik, Zerrissenheit überall. „In a world that’s constantly changing / how can, how can I be sure“, fragt Tricky im grossartigen „Aftermath“. „She says she’s mine, I know she lies / First, I scream, then I cry“, heisst es in „Suffocated Love“. Im bereits erwähnten „Strugglin'“ taucht einmal mehr die Hölle auf: „Because, in, in hell I’ll be lost in the layers of weakness“. Zeilen wie diese finden sich fortwährend, wenn man etwas genauer hinhört.

 

Himmlische Hölle

Trickys Debüt ist eines jener seltenen Alben ohne Ausfall. Etwas, was er mit seinen späteren Alben auf einer so durchgehend hohen Qualität nicht mehr erreichen wird. Alles wirkt wie aus einem Guss, was auch nach Jahren des Hörens fasziniert. Jedes Stück fügt sich in die dichte, schon fast mit den Händen greifbare Atmosphäre des Albums ein. Falls die Hölle tatsächlich so klingt wie auf „Maxinquaye“, dann kann es dort nicht gar so schlimm sein.

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