Gesellschaft | 13.02.2012

“Du kannst das nicht richtig!”

Text von Elin Fredriksson | Bilder von Elin Fredriksson
Tom ist zehn Jahre alt und geht an eine Zauberschule. Er hat drei Haustiere: Einen Igel namens Herr Igel, einen kleinen Vampir und einen Schaumgeist. Ausserdem besitzt er einen fliegenden Teppich und eine Zauberkugel. Willkommen in der Welt der Gutenachtgeschichten und somit im Universum von Spiel und Fantasie.
Kinder haben einen direkteren Zugang zu ihrer Fantasie und die Erwachsenen richten sich danach -“ auch in den belgischen Comics.
Bild: Elin Fredriksson

Will man sich auf Kinder einlassen, muss man bereit sein, die Grenze zwischen Realität und Fantasie zu überschreiten. Das hört sich einfacher an, als es ist. Als Kind war dieser Wechsel vom realen Geschehen zum Spiel so selbstverständlich. Genau deshalb erstaunt es mich immer wieder, wie sehr ich dies heute erzwingen muss. Verblüffend dünkt mich auch, dass ich die kindlichen Handlungen überhaupt nicht verstehen kann, obwohl ich mich daran erinnere. Wieso um alles in der Welt konnte ich einmal beim Rollenspiel mit Plastikfiguren Spass empfinden? Warum war es so eine furchtbare Qual nach dem Abendessen darauf zu warten, bis man vom Tisch gehen konnte? Ist es nicht seltsam, wie Erwachsene immer von den Phänomenen der Kinderwelt sprechen, obwohl sie selbst einmal ein Teil davon waren?

 

Marterpfahl-Spiel

Wenn ich die Kinder von der Schule abhole, kann mir zwischen müdem Kind und angriffslustigem Tiger alles entgegenkommen. Schon in den ersten Sekunden meiner Arbeitszeit kann ein Rollenspiel beginnen und das Faszinierende ist, ich kann es beeinflussen. Wie im Improvisationstheater kann ich meine Inputs geben und diese werden dann von den Spielern umgesetzt. Nur werde ich hier gezwungen, selbst ein Teil des Spiels zu sein, was für mich als Laie nicht so einfach ist wie für die Profis (will heissen die Kinder). In letzter Zeit ist das Marterpfahl-Spiel besonders beliebt. Dabei bin ich ein böser, identitätsfreier Mensch, der von zwei Tigern an den Marterpfahl (der Laternenpfahl in der Schule) gefesselt wird und sich verzweifelt versucht loszureissen. Natürlich finde ich das amüsant. Weniger, weil mich das Spiel an sich erfüllt, sondern wegen der Tatsache, dass ich die Kinder unterhalte. Im Gegensatz zu den Kindern bleibt es für mich ein Schauspiel, das ich von aussen beobachte. Dies scheinen die Kinder auch wahrzunehmen. Als wir Papierflugzeuge bastelten und ich vorschlug, damit einen Kampf zu starten, meinte der jüngere meiner Au-pair-Jungs doch prompt: “Das macht mit dir aber keinen Spass, denn du kannst das nicht richtig.”

 

Gutenachtgeschichten

Nur wenn ich Gutenachtgeschichten erzähle, habe ich das Gefühl auf eine natürliche Weise mit der Fantasiewelt der Kinder zu verschmelzen. Schliesslich ist die direkte Quelle dieser Geschichten meine Fantasie. Somit werde ich also Abend für Abend zur Schauspielerin und erzähle von Tom, dem Zauberschüler, und all den magischen Figuren um ihn herum. Aber auch wenn ich hier Akteurin bin, so bleibt es für mich Schauspiel und überschreitet niemals die Grenze zum eigentlichen Spiel. Was mich ausserdem erstaunt, ist, dass sich die Kinder meine Geschichten, die Produkt meiner eigenen Ideenwelt sind, besser merken können als ich. Es kann schon mal vorkommen, dass die Kinder mich verbessern, weil ich etwas falsch erzähle oder vergessen habe.

Was lerne ich also daraus? Kinder haben den besseren Zugang zur Fantasie, sowohl zur eigenen als auch zu der anderer. Mit eigenen Augen beobachte ich, wie die Fähigkeit, mit einem Spiel zu verschmelzen, mit den Jahren vergeht. Schade, denn genau diese Fähigkeit wäre in meinem jetzigen Alltag von grossem Nutzen.