Kultur | 20.02.2012

Diese Momente, in denen beide andeuten, die Wahrheit zu kennen

In Dürrenmatts "Der Richter und sein Henker" wird wenig gesprochen. Doch gerade durch eine ungewöhnliche Form von Erzähltheater überzeugt der Kriminalroman am Stadttheater Bern in der neuen Inszenierung des deutschen Regisseurs Matthias Kaschig. Bemerkenswert ist auch die Verwandlungskunst des Schauspielensembles.
Kommissar Bärlach (rechts, Ernst C. Sigrist) und sein Wettpartner Tschanz (Philip Hagmann).
Bild: Annette Boutellier / zvg

Während sich der Vorhang hebt, treten vier Schauspieler und zwei Schauspielerinnen auf die Bühne und erzählen uns, wie der Kommissar Ulrich Schmid auf einer Landstrasse zwischen Twann und Lamboing tot aufgefunden wurde. Sie erzählen gestenreich und emotional, allein oder gleichzeitig, wobei das synchrone Sprechen einzelne Worte hervorhebt und gewichtet. Wer “Der Richter und sein Henker” von Friedrich Dürrenmatt gelesen hat, empfindet in Matthias Kaschigs neuer Inszenierung am Berner Stadttheater früher oder später ein Déjà -vu; jeder gesprochene Satz entspricht dem Originaltext.

 

“Einer fängt mit einem Satz an, und der nächste spinnt die Erzählung weiter und immer weiter.” Daraus entsteht, “dass Schauspieler sich – quasi zufällig – in die Figuren hineinfinden.” Nach diesem Konzept gelingt es dem Regisseur Kaschig, einen der berühmtesten Kriminalromane in Szene zu setzen, der durch seine sparsam eingesetzten Dialoge eigentlich schwierig als Bühnenstück zu adaptieren ist.

 

Verwandlungs- und Komödienkunst

Das Stück beeindruckt nicht nur durch seine spezielle Form einer Art visuellen Hörbuchs. Eine Eigenheit ist auch das fehlende Auf- und Abgehen der Schauspieler, die sich permanent auf der Bühne befinden. Dazu kommt die auffallende Requisitenarmut, die das Ensemble aber wieder wettmacht durch die Kunst, sich in einen Autoscheinwerfer, einen Hund oder einen Scheibenwischer zu verwandeln.

 

Schauspielerisch wird also viel geboten in “Der Richter und sein Henker”. Zum einen verwandlungskünstlerisch, zum Beispiel wenn der Nationalrat von Schwendi mit drei Teufeln auf einmal im Leib zeternd über die Bühne schreitet. Zum andern komödiantisch, wenn etwa der Erzähler (Jonathan Loosli) Tschanz zur Tür schickt, aber mit schroffem Tonfall zurückbeordert – “es regnet” – und Tschanz mit genervten Blick noch einmal “hinausgeht”, dieses Mal jedoch den Mantel schützend über sein Haupt zieht.

 

Kinofeeling

Zwei Musiker (Michael Frei, Franz Rüfli) begleiten die Ausführungen der Darsteller unterstützend und kommentierend. Seitenblicke, Fingerzeige, Aussagen der Figuren werden akustisch auf tragische Weise untermalt und schaffen eine Kinoathmosphäre. Als musikalischer Höhepunkt hüpft einer der Musiker auf den Tisch und gibt über den Köpfen der Schauspieler, die gerade weinend an Schmids Beerdigung teilenehmen, eine akustische Showeinlage.

 

Derweil haben Kommissar Bärlach (Ernst. C. Sigrist) und der Kriminalbeamte Tschanz (Philip Hagmann) immer wieder diese Momente, in denen beide andeuten, die Wahrheit um Schmids Mörder zu kennen. Diese Szenen erzeugen mit Kunstpausen und filmisch eingesetzter Klangwelt eine Spannung, die ein dramatisches Ende vermuten lässt. Einzig die Szenen mit Bärlach und seinem Wettpartner Gastmann (Heidi Maria Glössner) enttäuschen. Trotz ihrer Bedeutsamkeit im Roman sind diese Szenen in dieser Inszenierung frei von jeglicher akustischen oder pantomimischen Unterstützung und ziehen beinahe nebensächlich vorüber.

 

Weitere Aufführungen bis am 5. Mai im Stadttheater Bern