Gesellschaft | 03.01.2012

Zum Stillstand gekommen

Die anfängliche Empörung ist verflogen. Aus einer globalen Protestbewegung wurde die Empörung einiger weniger. Viele Occupy-Protestcamps rund um den Globus sind geräumt, die Empörten aus dem Fokus der medialen Berichterstattung gerückt. Der Reiz des Neuen ist geschwunden. Occupy ist eine Bewegung, die viel von ihrem anfänglichen Elan eingebüsst hat.
Der Zürcher Lindenhof zur Zeit der Besetzung. Heute gehört der Platz wieder Touristen und Schachspielern.
Bild: Roland zh/Wikimedia Commons

Indignez-vous! – Empört euch! Als Stéphane Hessel sein Buch im Oktober 2010 veröffentlichte, konnte er nicht wissen, wie erfolgreich er mit seiner Streitschrift sein würde. Das dünne Büchlein wurde millionenfach verkauft und in zehn Sprachen übersetzt. Es lieferte Tausenden, vor allem jugendlichen “Empörten” Inspiration. Im September entstand mit Occupy Wall Street eine Bewegung, die den “Protest der 99%” – der Verlierer des Turbokapitalismus – mitten ins Zentrum der globalen Finanzwirtschaft trug. Der Zuccotti-Park – oder Liberty Plaza –  in New York wurde zum Ausgangspunkt einer weltweiten Welle des Protests. An die 200 Zelte wurden in New Yorks Innenstadt aufgeschlagen.

 

Von Manila bis Alaska

Den Protesten an der Wall Street folgten bald weitere rund um den Globus. In London, Manila, Frankfurt und Tokio wurde demonstriert, ja sogar in Alaska soll es Proteste gegeben haben. Überall schossen die “Indignados” aus dem Boden. Im Oktober erreichte die Protestwelle die Schweiz. Etwa 1000 Personen nahmen an einer Demonstration auf dem Zürcher Paradeplatz teil. In der Folge schlugen rund 50 Personen auf dem Zürcher Lindenhof ihre Zelte auf. “Rettet Menschen, nicht Banken”, war das Motto. Bereits redeten bekannte Namen den Systemwechsel herbei. So sprach Michael Moore in einer Rede auf der New Yorker Liberty Plaza: “Noch in hundert Jahren wird man sich daran erinnern, dass ihr hier wart.” Die Bewegung war im Aufwind.

 

Ein bisschen empören

Stéphane Hessel, der französische Diplomat und ehemalige Résistance-Kämpfer, mahnte jedoch schnell zur Vorsicht. Zu seinem Buch sagt der 94-Jährige gegenüber Radio DRS: “Manche haben nur den Titel interessant gefunden und wollen sich dann sehr gerne empören.” Tatsächlich geriet die Bewegung mehr und mehr in die Kritik. Die Aktivisten forderten ein Ende der Macht der Banken und der damit verbundenen Ungerechtigkeiten. Viel klarer hatten sie ihre Ziele nie formuliert. Vielfach begründeten die Aktivisten dies mit der Komplexität des Problems. Es sei absurd, von einer Bewegung in zwei Monaten zu verlangen, woran Politiker seit Jahren scheitern, sagt Simone Leuthold von Occupy Zürich gegenüber Tink.ch. Es gehe um das grosse Ganze. Das brauche seine Zeit.

 

In den Augen der Aktivisten hat die Gesellschaft nicht die nötige Geduld für die Bewegung aufbringen können. Und so wurde nichts aus dem Systemwechsel. Die Protestcamps in New York und Zürich sind geräumt. Alle Zelte sind abgebrochen und die Schlafsäcke verschwunden. Weg sind in Zürich auch die Demonstranten. Einzig am Stauffacher, wo die Bewegung kurzzeitig domizilierte, erinnern noch ein paar vereinsamte Zelte an das Camp. Aktivisten sind dort keine anzutreffen. Auf der Homepage von Occupy Zürich ist zu lesen: “Seit 80 Tagen besetzt” – und es wird munter weitergezählt. Für Aussenstehende ist die Bewegung kaum noch wahrnehmbar. Mit Ausnahme von Genf und Zürich sind alle Schweizer Ableger der Bewegung gestorben.

 

Eine tote Bewegung

“Occupy Zürich ist nicht tot.” Der Satz von Simone Leuthold klingt eher nach einer entmutigten Durchhalteparole. Über die Gründe für das andernorts vielfach ausgerufene Scheitern wird viel spekuliert. Die Einen schreiben es dem kalten Winter zu, die anderen der natürlichen Abflachung einer Welle der Empörung nach deren Höhepunkt und wieder Andere sind der Meinung, die Bewegung sei gar nicht gescheitert. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Die Aktivisten betonen in einer Medienmitteilung vom 15. Dezember, dass noch immer Aktionen durchgeführt würden. Die Bewegung agiere in der Schweiz nun dezentral mit Schwerpunkt in Zürich. “Jene, die jetzt noch dabei sind, sind mit ganzem Herzen dabei!”, versichert Leuthold. In Zürich seien dies noch etwa 50 Leute. Und weiter: “Der Winter hat noch keine Bewegung getötet.” So ganz will man ihr diesen Glauben nicht abkaufen. Leichte Verbitterung ist in ihren Worten zu hören. Und ganz zurückhalten kann sie ihren Frust dann doch nicht: “Natürlich wäre mir lieber, wenn wir mehr Leute wären, viel mehr!”

 

Nicht ganz so arg steht es um die Bewegung jenseits des Atlantiks, dort wo sie ihren Ursprung nahm. Mitte Dezember haben Tausende Demonstranten den Hafen von Oakland blockiert, um sich mit den Hafenarbeitern zu solidarisieren. Dabei wurde ein Demonstrant mittelschwer verletzt. Jetzt rufen die Aktivisten zusammen mit Exponenten der Gewerkschaften zum Generalstreik auf. Am Neujahrstag wurden in New York Dutzende Demonstrierende festgenommen, weil sie Absperrungen der Polizei beim Zuccotti-Park missachteten. In der Schweiz hat die Bewegung derweil ihre Breite verloren. Vielleicht sei die Schweiz halt doch zu klein, zumindest für mehrere Ableger der Occupy-Bewegung, gesteht auch Simone Leuthold ein.

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