Kultur | 23.01.2012

Wolken über Haifa

Eine israelisch-palästinensische Theatergruppe spielt Frieden - und versucht ihn zu leben. David Vogel hält in seinem Dokumentarfilm "Shalom Chaverim, Shalom Shalom" Momente der Verzweiflung und der Hoffnung fest. Nah, ohne Pathos.
Auf dem Balkon der Theater-WG wird diskutiert von A wie Armee bis Z wie Zionismus.
Bild: zvg Der Film zeigt neben dem gemeinsamen Projekt auch die individuelle Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft.

Von keinem Zustand ist Israel heute so weit entfernt wie vom Frieden. Doch genau dieses Wort trägt David Vogels Dokumentarfilm im Namen, der an den Solothurner Filmtagen für den Prix de Soleure nominiert ist: “Shalom Chaverim, Shalom, Shalom”, ein Votum für den Frieden und ein humanistisches Zusammenleben aus der Feder des Zürcher Regisseurs und Radioredaktors.

 

Intensive Tage

Im Zentrum steht nun also der Nahostkonflikt. Seit der Staatsgründung Israels 1948 haben radikale Gruppen Aufwind bekommen, und sie könnten sich bald durchsetzen, wenn die Friedensgespräche weiterhin ausbleiben. Vogels Film spielt nicht auf der staatspolitischen Ebene. Zu Wort kommen vielmehr die Kinder der letzten Einwanderungswelle, aufgewachsen mit Krieg und Propaganda. Die Protagonisten von “Shalom Chaverim, Shalom Shalom” sind zwei Frauen und zwei Männer jüdischer Herkunft sowie zwei Palästinenser. Im Rahmen eines Theaterprojekts bildeten die 18-Jährigen eine WG in Haifa. Die Filmcrew, quasi der siebte unsichtbare Mitbewohner, begleitet die Kommune Nemashim (Hebräisch: “Jugend spielt Frieden, Jugend lebt Theater”) im Probekeller und in der Freizeit.

 

Die Filmer meistern ihre Rolle als aufmerksame Beobachter und Zuhörer flexibel. Eine oft unruhige Kameraführung (Jan Gassmann, Philip Vogt) verleiht den intensiven Diskussionen und Theaterproben zusätzlich Tempo und emotionale Ausdrucksstärke. Etwas unübersichtlich wird das viele Über-die-Schulter-Schauen mit der Zeit trotzdem. Da ist man trotz dramaturgisch losem Faden froh um die ausgedehnten Fahrten durch die nördliche Hafenstadt, die nicht zufällig für das Projekt ausgewählt wurde: Haifa ist ein zionistischer Hauptort. Nur der alte Hafen und die Altstadt sind heute noch grösstenteils arabisch. Im modernen Stadtkern tummeln sich Touristen zwischen den Bürobauten und unter dem bewölkten Himmel klettern jüdische Siedlungen grossflächig den Berg hinauf.

 

Von der Bühne ins Leben

So tief sind die gesellschaftlichen Gräben, dass die Kernforderung der Theaterstücke klar ist: Hört auf euch zu bekriegen, schliesst endlich Frieden. Was aber beim jungen Publikum ankommt, beisst im realen Umfeld der Gruppe Nemashim auf Stein. Am Ende sind die Freunde vor allem mit ihren eigenen Denkweisen und Handlungen konfrontiert. Da gibt es zum Beispiel Sapir, die sich ihren Eltern entschlossen in den Weg stellt und den Militärdienst verweigert, indem sie ihren Freund heiratet (“Wenn wir uns trennen, lassen wir uns einfach scheiden”). Die Porträts der jungen Menschen zwischen Hoffnung und Verzweiflung sind nah erzählt, ohne Pathos. Durch diese dokumentarische Handschrift, Vogels Handschrift, besticht der Film am meisten.

 

Treffend schreibt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD): Vogel “nimmt nicht nur seine Protagonisten sehr ernst, sondern betrachtet auch die sozialen und ökonomischen Zusammenhänge, aus denen sie stammen, mit grösstem Respekt”. Mit dieser Laudatio erhielt Vogel, Regisseur der Dokumentarfilme “Franzia” (2003), “Yazids Brüder” (2006) und “Kings of the Gambia” (2010), den DAAD-Preis 2010 für seinen Abschlussfilm “Shalom Chaverim, Shalom Shalom” an der Hochschule für Film und Fernsehen München.