Kultur | 23.01.2012

Vor verschlossenen Türen

Text von Michael Scheurer | Bilder von zvg
Am vergangenen Sonntag standen mehrere 100 Personen Schlange vor der Abendkasse an den Solothurner Filmtagen, um einen der letzten Plätze für die Weltpremiere von "Bottled Life - Nestlés Geschäfte mit Wasser" zu erhalten. Der Dokumentarfilm des Berner Filmemachers und Journalisten Urs Schnell hat den Nerv der Solothurner Filmtage getroffen.
Nestlé schuf in Pakistan einen neuen Markt: Flaschenwasser.
Bild: zvg

Wenn im Titel eines Dokumentarfilmes Nestlé steht, so erwartet man vielleicht eine dramatische Aufdeckung dunkler Machenschaften eines transnationalen Riesenkonzerns, gestützt durch viele Fakten, schnelle Schnitte und nächtliche Hinterhofaufnahmen. Obwohl „Bottled Life“ mindestens einen Skandal zu bieten hat, beginnt der Film mit einem langsamen Flug über beschneite Bergspitzen, begleitet von besinnlichen Akkordeonklängen. Dann führt die Reise aus der Schweiz heraus, an Orte, wo der Lebensmittelmulti seine grössten Geschäfte macht. Zuerst besucht das Filmteam humanitäre, aus gutem Willen gesponserte Projekte von Nestlé, wie CEO und Verwaltungspräsident Peter Brabeck in seinen öffentlichen Auftritten national und international immer wieder gerne betont. Auf dieser Reise zeigen sich erste Ungereimtheiten.

 

Wirtschaftskrimi

Während dieser und weiteren Szenen kann der Eindruck erweckt werden, der Film suche einen Skandal, findet aber keinen. Insgesamt gelingt es „Bottled Life“ aber, eine Geschichte über den Konzern Nestlé und seinen Chef Peter Brabeck zu erzählen, die nicht von offensichtlichen Delikten des Konzerns lebt, sondern vielschichtig und an unspektakulären Beispielen aufgezeigt wird. Diese Vielschichtigkeit beinhaltet ethische Fragestellungen; etwa im Fall der Wasserbohrungen in Pakistan. Mit einer Lokalreportage macht „Bottled Life“ auf einen bemerkenswerten Skandal aufmerksam und der Dokumentarfilm wird zum echten Wirtschaftskrimi.

 

Der Film handelt aber auch von bedenklichen Kommunikationspraktiken Nestlés und zeigt auf, wie ein solcher Konzern soziale Strukturen in kleinen US-Amerikanischen Gemeinden förmlich plattwälzt. Dabei stehen immer die betroffenen Menschen im Zentrum, die ihre Geschichte erzählen und den Unterschied zu thematisch ähnlichen Filmen wie „We feed the world“ oder „Let’s make money“ ausmachen. Denn die Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Orte geben bereits bekannten und von Zahlen geprägten Kritiken gegenüber Grosskonzernen ein menschliches Gesicht und führen die Kritik damit in eine reale, „lebensechte“ Legitimation über.

 

Vernünftiger Blick

Manche Szenen, in denen der Reporter Res Gehrig beim Recherchieren inszeniert wird, mögen monoton, gar langweilig wirken. Sie verschaffen dem Zuschauer aber auch die notwendige Zeit, um einen vernünftigen Blick auf die Sachlage zu entwickeln und nicht ideologischen Denkmustern zu verfallen. Dabei wird auf das filmische Machtinstrument der Musik in Situationen verzichtet, in denen es um Glaubensangelegenheiten wie Markt und Staat geht. Musik wird nur eingesetzt, wenn die melodiös einfachen, aber instrumental und harmonisch wirkungsvollen Kompositionen von Ivo Ubezio (u.a. Filmmusik zu „Auf der Strecke“) die Geschichte an andere Orte überführen soll.

 

Für Nestlé war es der „falsche Film zur falschen Zeit“. Deshalb blieben dem Filmteam während des gesamten Drehs die Türen zu sämtlichen Firmenstandorten auf der ganzen Welt verschlossen, selbst auf dem kleinen Areal einer Verteilzentrale in der pakistanischen Millionenstadt Lahore. Unter zusätzlicher Berücksichtigung dieser Tatsache ist deshalb ein bemerkenswerter, kritischer, in der Machart bedächtiger Film im Wettbewerb um den Prix de Soleure vertreten, den es sich anzuschauen lohnt. Das Publikum würdigte am Sonntag denn auch die Macher des Films im Anschluss an die Vorführung mit einem zweiminütigen Applaus und einer Standing Ovation.