Kultur | 03.01.2012

Verstehst du die russische Bildsprache?

Text von Katharina Good
Das Kunstmuseum Bern bietet mit der Sammlung der Kunstfördererin Arina Kowner einen Überblick über die neuere Kunstgeschichte Russlands und eröffnet uns damit eine völlig neue Bilderwelt. Es sind Künstler vertreten, die den Blick auf unsere Seite des Eisernen Vorhangs gewagt und dennoch eine eigene Identität formuliert haben. Sie verweisen auf Vorbilder der heimischen Kunstgeschichte und konstruieren damit eine ironische bis provokative Bildsprache.
In der neuen Propaganda-Serie schlägt nicht mehr der rote Keil nach dem Weissen. Sergei Bugaev 'Afrika', Rot (Hommage an El Lissitzky), 1991. Der Künstler Vladislav Mamyshev parodiert die westliche "Ikone" Marilyn Monroe, deren Name er als Pseudonym wählte, ebenso wie die sowjetische Symbolik. Fotografie von Sergei Borisov, 1991, (Ausschnitt). Vladislav Mamyshev 'Monroe' hinterfragt den Kult um Personen aus Politik und Populärkultur, so auch in der Darstellung Stalins als der "grosse Kater" (1991).

Wer die kyrillische Schrift nicht lesen kann, erlebt viele Werke der russischen Gegenwartskunst als wahre Rätsel. Um Porträts von uns unbekannten Menschen oder um farbige Formenexplosionen – immer wieder fliegen in der Ausstellung “Passion Bild. Russische Kunst seit 1970” im Kunstmuseum Bern diese fremden Schriftsymbole über die Bildflächen. Mit wachsender Neugier lassen wir uns, mit dem erläuternden Ausstellungsführer fest in der Hand, in zwölf Etappen und mehr als 200 Werken und 48 Künstlern durch die unterschiedlichen Facetten der russischen Gegenwartskunst leiten. Während wir die fremde Bildsprache besser kennenlernen, bleibt sie uns dennoch ein faszinierendes Rätsel.

 

Avantgarde und Ikonenverehrung

Unter dem strengen Blick des totalitären Staates, in dem nur heroische Darstellungen geduldet wurden, suchten Regimekritiker nach einer Ausdrucksform des Protestes. Sie fanden diese unter anderem in der frühen abstrakten Kunst im damaligen Zarenreich. Kasimir Malewitschs “Rotes Quadrat auf weissem Grund” von 1915, ein Bild auf dem genau dies zu sehen ist, prägte mit seiner radikalen Abstraktion die Kunstgeschichte der Moderne und auch in der Berner Ausstellung ist es in jeweils veränderter Form wiederzufinden. Die abstrakten Formen wurden wenige Jahre später in der sozialistischen Propagandagestaltung vor der Diktatur mit kämpferischen Parolen durchmischt. Sergei Bugaev, der eher unter dem Pseudonym ‘Afrika’ bekannt ist, veränderte nach dem Fall der Sowjetunion 1991 die Wahlplakate bis zur Lächerlichkeit.

 

Die Begegnung mit dieser fremden Bildkultur führt uns weiter zurück zu ihren Ursprüngen. Wie die russisch-orthodoxen Heiligenbildnisse sollten nach der Revolution die sowjetischen Machthaber verehrt werden. Anders als unsere westliche Bildtradition wollen die sogenannten Ikonen durch ihren flächigen Bildaufbau nicht die Wirklichkeit darstellen, sondern einen geistigen Gehalt widerspiegeln. Wie in der Ausstellung sehr gut veranschaulicht wird, orientieren sich viele Künstler der Gegenwart an der jahrhundertealten Tradition. Und dies obwohl, oder gerade weil die Kirche weiterhin starken Druck auf die Meinungsfreiheit ausübt. Solche Ikonen aus dem 19. Jahrhundert umrahmen in der Berner Ausstellung ein Bildnis des Weltraumpioniers Yuri Gagarin von Svetlana Mazoulevskaja (2007), der als Held der Sowjetunion verehrt wurde. Personen aus den Massenmedien werden wie orthodoxe Heilige dargestellt, wobei der geistliche Goldgrund zu einem kitschigen “Glitzer und Glamour” verkehrt wird.

 

Brücken zwischen Ost und West

Im Kalten Krieg zeigte sich die Gegensätzlichkeit zwischen der westlichen und der sowjetischen Kultur vollends. Wir lernen die Künstlerbewegung “Soz-Art” besser kennen, die seit den 1970er Jahren den sowjetischen “Überfluss an Ideologie” mit der Konsumkunst aus den USA in einer Parodie vereinen will. Aleksandra Dementieva kopiert etwa in ihrer Gemäldeserie “Park Kultury” von 1990 mehrere Reliefs junger Pioniere aus einer Moskauer Metrostation. Durch die comicartigen Figuren auf dem violetten Grundton drückt sie aus, wie realitätsfern die verherrlichende Bildsprache der sozialistischen Propaganda war.

 

Die Sammlerin Arina Kowner, selbst Schweizerin mit russischen Wurzeln, wurde durch ihr Engagement beim Kulturprozent der Migros bekannt. Sie liess sich schon früh für die sowjetischen Künstler im Untergrund begeistern und förderte sie gezielt. Wir sehen in Bern eine umfangreiche Sammlung, die besonders die Auflösung der Grenzen zwischen Ost- und West um 1990 veranschaulicht. Sie vereint zudem einige der westlichen Werke, die durch den eisernen Vorhang hindurch auch die sowjetische Kunst des Untergrunds beeinflusst haben. So ist auch Andy Warhol vertreten, der 1980 zwischen Pop-Art und Ikonenkult ein diamantbesetztes Porträt des deutschen Künstlers Joseph Beuys herstellte.

 

In dieser ausgiebigen Auseinandersetzung mit der neueren Kunstgeschichte Russlands bleiben dennoch einige offene Lücken. So sucht man leider vergeblich nach Werken mit Film oder digitalen Medien. Die Ausstellung unter dem klangvollen Titel “Passion Bild” beeindruckt vor allem durch die zahlreichen Gemälde, Fotografien und Collagen, die durch den Bezug auf die Kulturgeschichte vom Zarenreich bis zu Russland eine eigene Identität ausdrücken.

 

Die Sammlung von Arina Kowner ist bis am 12. Februar 2012 im Kunstmuseum Bern zu sehen.