Kultur | 30.01.2012

Überraschende Premieren, viel Geläuf

Die Solothurner Filmtage 2012 zeigten bemerkenswerte Filmpremieren, die ein zahlreiches Publikum anzogen. Platzmässig waren damit allerdings die Kapazitätsgrenzen erreicht.
Wegen des regen Publikumsinteresses waren Eintritte besonders bei den Vorstellungen am Wochenende Mangelware.
Bild: Michael Scheurer "Eine fast magische Stimmung". Die neue Direktorin Seraina Rohrer zieht eine positive Bilanz.

Sie wird als schönste Barockstadt der Schweiz bezeichnet. Und wer durch die Gassen der Solothurner Altstadt schlendert, fühlt sich tatsächlich fast in eine andere Epoche zurückversetzt. Solothurn, die perfekte Kulisse für Filmtage? Das dachten sich dieses Jahr jedenfalls so viele Besucherinnen und Besucher wie noch nie: Über 55’000 fanden den Weg in die Spielstätten der Solothurner Filmtage, entlang der Aare und über die Innenstadt verteilt.

 

Vom 19. bis zum 26. Januar waren zahlreiche Kinofilme und Premieren zu sehen. Gezeigt wurden vorwiegend Schweizer Produktionen und Co-Produktionen. Einigen Besuchern, wie den Filmkritiker Hans Jürg Zinsli, war dies gar zu viel der “Swissness” (siehe Umfrage unten). Anders sieht es Direktorin Seraina Rohrer, die Nachfolgerin von Ivo Kummer. “Die Solothurner Filmtage präsentieren und feiern das Schweizer Filmschaffen”, sagt die 34-jährige Zürcherin.

 

Wermutstropfen Platzmangel

Der Zuschauerrekord scheint den Organisatoren denn auch Recht zu geben. Trotz regerem Interesse im breiten Publikum, sind die Filmtage seit ihrer Gründung 1966 innovativ geblieben. Neue Gefässe sind dieses Jahr hinzugekommen, darunter eines für Kurzfilme von talentierten jungen Filmerinnen und Filmern. Nachwuchsförderung ist eines von Seraina Rohrers Steckenpferden: “Ich möchte die Solothurner Filmtage noch attraktiver gestalten für ein junges Publikum, sie sollen eine Plattform kriegen.”

 

Die Organisatoren scheinen also alles richtig gemacht zu haben. Nur an Zuschauerplätzen mangelte es, wie Pressefoyer-Mitarbeiterin Stefanie Steinmann feststellt. Tatsächlich mussten unter anderem bei der Filmpremiere “Bottled Life” einige 100 Besucher ohne Filmticket nach Hause geschickt werden. Insgesamt aber überwogen die sorgfältig ausgewählten, durch alle Genre hindurch gezeigten Filme den Wermutstropfen des Platzmangels. So wurde dieses Jahr der begehrte Prix de Soleure an den ausserordentlichen Dokumentarfilm “Vol spécial” (siehe Link) vergeben.

 

 

Umfrage


“Der Gewinnerfilm des Prix de Soleure ‘Vol spécial’ von Fernand Melgar schafft es neu in meine DVD-Sammlung. Der Film ist ein wichtiges Zeitdokument, das einen kritischen Blick auf die Schweiz wirft. Das Herz der Solothurner Filmtage sind die Filme und die Diskussionen darüber. Durch die vielen Begegnungen entsteht eine fast magische Stimmung. Wir haben dieses Jahr wieder einen Zuschauerrekord. Das freut mich sehr! Ich möchte die Solothurner Filmtage noch attraktiver gestalten für ein junges Publikum, sie sollen eine Plattform kriegen.”

Seraina Rohrer, Direktorin Solothurner Filmtage

 

“‘Courage’ von Greg Zglinski zieht einem auf emotionaler Ebene den Boden unter den Füssen weg. Um den ganzen Schrecken und die ganze Schönheit dieses Films wiederzuerleben, muss er auf jeden Fall in meine DVD-Sammlung (zumal Gefahr besteht, dass er in der Schweiz gar nie ins Kino kommt). Die Solothurner Filmtage besonders machen für mich die Suche nach lohnenden Premieren, überraschende Begegnungen mit Filmschaffenden und viel Geläuf zwischen Landhaus, Kino Canva und Reithalle. Meine Bilanz? Zu viel Swissness, aber auch einige mutige Filme wie zum Beispiel ‘Buebe gö z’Tanz’ von Steve Walker. Verbesserungsfähig ist sicher das Platzangebot für die Zuschauer, vor allem am Wochenende.”

Hans Jürg Zinsli, Filmkritiker “Berner Zeitung” und Autor

 

“Der Gewinner des Publikumspreises, ‘Die Wiesenberger’ von Bernard Weber und Martin Schilt ist einer meiner Favoriten. Der Film über einen besonderen Flecken Schweiz berührt. Ein Männerchor, der zusammenhält und Emotionen zeigt: Wo sieht man das sonst noch? Toll fand ich aber auch ‘Courage’. Greg Zglinski thematisiert in seinem Film aktuelle Themen aus dem Stadtleben wie Gewaltübergriffe und Überwachung mit der Handykamera. Ich lerne an den Solothurner Filmtagen immer wieder neue Geschichten und Schicksale aus der Schweiz und anderen Ländern kennen, aber es hatte einfach zu wenig Platz für den grossen Besucherandrang. Für die Premiere von ‘Bottled Life’ am Sonntag mussten viele Leute wieder nach Hause geschickt werden.”

Stefanie Steinmann, Mitarbeiterin Pressefoyer und Studentin