Kultur | 23.01.2012

Tränen der Machtlosigkeit

Text von Michael Scheurer | Bilder von © Climage
«Vol spécial" gehört zu den Filmen, die nicht zur Unterhaltung gedacht sind. Regisseur Fernand Melgar legt einen emotionalen Dokumentarfilm vor, der in emotionalen Bildern, ohne technische Retouchierungen und musikalische Unterstützung Bände spricht.
Filmstill.
Bild: © Climage

Nicht nur kitschig romantisierte Schweizer Heimatfilme, sondern auch kritisch anspruchsvolle Dokumentarfilme werden an den Solothurner Filmtagen gezeigt. “Vol spécial” des in Marokko geborenen Regisseurs und Produzenten Fernand Melgar fällt besonders auf. Der Film wurde seit Mitte letztes Jahr in der gesamten Schweiz bereits von über 30’000 Zuschauerinnen und Zuschauern gesehen – ein grosser Erfolg für sein Genre. An der ersten Vorführung in Solothurn erhielt “Vol spécial” am Wochenende den Preis für den besten Schweizer Film des Jahres 2011 des Schweizer Verbands der Filmjournalisten und Filmjournalistinnen. Zudem ist das bereits mehrfach prämierte Werk für den Prix de Soleure nominiert.

 

Es ist kein Film, der unglaubliche Fakten und Skandale aufdeckt und den Zuschauer mit entsprechender Musik in eine Gerechtigkeitstrance versetzt, sondern es geht um einfache menschliche Realitäten im Ausschaffungsgefängnis in Frambois, einem kleinen Vorort von Genf. Während eines halben Jahres hatte das Filmteam um Melgar die Möglichkeit, im Ausschaffungsgefängnis zu drehen. In “Vol spécial” wird auf der einen Seite die ambivalente Rolle der Behördenangestellten gezeigt. Auf der anderen Seite wird die ausgelieferte Situation der Sans-Papiers in ausdrucksstarken Bildern vermittelt. Denis Jutzeler hat es geschafft, die Kamera für die Akteure in den unsichtbaren Hintergrund treten zu lassen und so emotionale und äusserst authentische Situationen in langen Schnitten festzuhalten.

 

Unerträgliches Warten

Die Dokumentation handelt von Sans-Papiers in der Schweiz, deren einziges Vergehen darin besteht, keine gültigen Ausweispapiere zu besitzen. Sie wurden bei einer Strassenkontrolle wegen einer fehlenden Autobahnvignette oder während einer Routinekontrolle der Polizei angehalten und in Ausschschaffungshaft gebracht. “Vol spécial” macht deutlich, dass Sans-Papiers unbescholtene Menschen mit Gefühlen, Gedanken, Sorgen und Hoffnungen sind, deren innigster Wunsch die Freiheit ist. Sie seien zwar versorgt mit Essen und hätten ein Dach über dem Kopf, aber lieber würden sie wieder arbeiten und frei sein, sagt Geordry, einer der Bewohner von Frambois. Der Zuschauer erhält Einblick in das lange ungewisse Warten auf den Moment, in dem es heisst: “Vol spécial”. Der Flug also, der die Betroffenen unfreiwillig, mit polizeilicher Begleitung und in Handschellen in ihr Geburtsland zurückbringt und damit definitiv von Freunden, Verwandten, Frau und Kindern trennt. “Man hört sie manchmal schreien mitten in der Nacht, wenn sie gehen müssen”, sagt der Bewohner Jeton in die Kamera.

 

Wenn im Film während den Besuchszeiten die Frauen und Kinder der inhaftierten Männer für einige Minuten ihre Liebsten umarmen dürfen, Tränen der Machtlosigkeit fliessen und sich die Familie auf ungewisse Zeit wieder verabschieden muss, bleibt selbst der hartgesottene Zuschauer nicht ohne Emotionen. Dazu braucht man nicht einmal Musik einzusetzen. “Vol spécial” verzichtet fast komplett auf musikalische Untermalung. Die einzige Musik sind Reggae-Lieder des Sans-Papiers Julius, der seine Verzweiflung in hoffnungsvollen Texten und eindrücklichen musikalischen Beiträgen in seiner Zelle verarbeitet.

 

Gemeinsame Verantwortung

“Es passiert tatsächlich”, sagte Regisseur Melgar im Publikumsgespräch nach der Aufführung in Solothurn: in anderen Ausschaffungsgefängnissen wie etwa in Zürich würden die Bewohner sogar mit Nummern statt mit Namen angesprochen. Er habe, so Melgar, aber bewusst eines der humansten Ausschaffungsgefängnisse in der Schweiz für seinen Film gewählt, um die Möglichkeit auszuschliessen, dass die Schuld allein der kantonalen Umsetzungspraxis in die Schuhe geschoben werden kann. Das Ziel sei vielmehr, dem Publikum bewusst zu machen, dass es sich hierbei um eine gemeinsame gesellschaftliche und politische Verantwortung handelt, die alle betreffen sollte. So fällt “Vol spécial” nicht nur wegen der emotionalen Ausdruckskraft im Wettbewerb auf, er hätte den Prix de Soleure hinsichtlich der politischen Brisanz allemal verdient.