Gesellschaft | 24.01.2012

Sorry, are you from Brussels?

Text von Elin Fredriksson | Bilder von Elin Fredriksson
Als ich mein Zwischenjahr plante, war mir durchaus bewusst, warum dieses Jahr eben ein Zwischenjahr sein würde: Man befindet sich zwischen Gymnasium und Studium, man kann weder rückwärts noch vorwärts, man ist eben zwischendrin. Dieses "Weder-hier-noch-dort-Gefühl" ist ja auch genau das, was man sich für ein Zwischenjahr wünscht. Dass ich mich allerdings nicht nur bezüglich des schulischen Aspekts zwischen zwei Welten gefangen fühlen würde, sondern auf allen möglichen Ebenen, das war mir überhaupt nicht bewusst.
Gehört man als Au-pair schon zu den Brüsselern?
Bild: Elin Fredriksson

Die zahlreichen Touristen, die sich zu allen Jahreszeiten in Brüssel herumtreiben, wollen selbstverständlich genau dasselbe wie alle anderen Touristen in allen anderen Städten dieser Welt: Die typischen Wahrzeichen der Stadt sehen. Manneken Pis! Grande Place! Atomium! Place Royale!

 

Aber: Finde mal einen echten Brüsseler, den du um Auskunft fragen kannst. Das ist ein Stolperstein, an den die meisten Touristen vermutlich nicht denken. Wenn also wieder mal ein wahrzeichensüchtiger Amerikaner oder Japaner auf mich zurennt und fragt, ob ich aus Brüssel sei, fällt meine Antwort meist etwas wirr aus: “Ja ähm… also… eigentlich… ja, aber… wenn man’s genau nimmt… nein… also… ich weiss nicht…” Bis ich mich dann mal entschieden habe, ob ich aus Brüssel bin oder nicht, haben die Touristen schon den nächsten potentiellen Brüsseler gefunden um nachzufragen. Und genau das ist, neben dem offensichtlichen Zwischendrin eines Zwischenjahrs, das zweite Weder-Noch. Was bin ich eigentlich hier in Brüssel? Touristin? Nein. Brüsselerin? Auch nicht. Vorläufige Besucherin? Vielleicht. Fakt ist, bleibt man nicht nur ein paar Wochen, aber auch nicht mehrere Jahre an einem Ort, ist man weder das Eine noch das Andere. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, angekommen und doch auf dem Weg zu sein.

 

Zwischen Kinder und Eltern

Das Gefühl zwischen zwei Welten zu sein, hängt aber nicht nur mit dem Auslandsaufenthalt zusammen, sondern auch mit dem Job als Au-pair-Mädchen. In so zahlreichen Situationen fühle ich mich auf der Schwelle zu der einen oder anderen Seite und weiss nicht in welche Richtung ich demnächst fallen werde. Es beginnt beim Alltag mit den Kindern. Was bin ich für die beiden Jungs? Ich bin nicht die Mutter oder die Schwester, aber auch nicht eine Freundin. Mich eine Angestellte der Familie zu nennen klingt irgendwie blöd, ein Familienmitglied bin ich hingegen auch nicht. Ich bin hier nicht zu Hause, aber zu Besuch bin ich auch nicht.

Genauso wie ich zwischen den verschiedenen Bezeichnungen meiner Position hin und her schwanke, balanciere ich auch auf dem Pfad zwischen Kindern und Eltern. Das Au-pair befindet sich wieder mal genau dazwischen. Einerseits rein “beruflich” gesehen, bezüglich Familienregeln, die man als Au-pair einzuhalten hat, gleichzeitig aber auch Verständnis für die Kinder hat, die jetzt halt eben noch nicht ins Bett wollen oder noch eine Stunde länger am Computer spielen möchten. Andererseits aus einer emotionalen Sicht: Noch nie zuvor habe ich mich so sehr zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt gefühlt. Bin ich mit den Kindern zusammen, realisiere ich, wie weit weg ich mich von diesem spielerischen, fantasievollen Alltag befinde. Blicke ich aber in die Richtung der Eltern, sehe ich auch ein, wie weit der Weg zum Erwachsenen noch ist.

 

Eine Gratwanderung

Genauso speziell ist das Zwischending Arbeit-Freizeit. Ich wohne an meinem Arbeitsplatz und ich arbeite an meinem Wohnort. Hä? Die Frage ist, wo hört die Arbeit auf und wann fängt die Freizeit an. Arbeite ich, wenn ich den Kindern während dem Abendessen ein Glas Wasser einschenke? Oder schweife ich von der Arbeit ab, wenn ich, während die Kinder spielen, einen Text für Tink.ch schreibe? Grenzen sind in einem Au-pair-Aufenthalt nicht immer einfach zu sehen und oft muss ich mir diese selbst schaffen.

 

Als Au-Pair-Mädchen in Brüssel befindet man sich also auf einer ständigen Gratwanderung zwischen verschiedenen Welten. So merkwürdig dieses Zwischendrin-Gefühl auch sein mag, irgendwo tut es ganz gut, sich nirgendwo dazuzählen zu müssen. Wann sollte man sich denn zwischendrin fühlen, wenn nicht in einem Zwischenjahr?