Politik | 10.01.2012

Selbstmord auf Zeit

Text von Serafin Reiber | Bilder von Wikimedia Commons
Die Rätoromanen versuchen ihre Sprache(n) durch Vereinheitlichung zu retten. Dabei bewirken sie leider das Gegenteil. Der Kommentar eines Nicht-Rätoromanen.
Die ursprünglichen Verbreitungsgebiete der Idiome nebst Deutsch und Italienisch: Wie soll man eine Sprache retten, die eigentlich aus fünf Sprachen besteht?
Bild: Wikimedia Commons

Die Rätoromanen? Falsch. Wer denkt, dass sich hinter den Rätoromanen eine homogene Minderheit befindet, liegt weitgehend falsch. Denn die Rätoromanen sind alles andere als homogen. Sie teilen sich in verschiedene Idiome (Sprachen) auf – Vallader, Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran und Putér. Klar, diese Idiome haben alle Gemeinsamkeiten und unterscheiden sich auch in weiten Punkten nicht wesentlich voneinander, da sie alle lateinischen Ursprungs sind – Unterschiede sind jedoch vorhanden.

 

Zu kompliziert und fremd

Doch diesen Idiomen wurde 2003, wohl auch um die Bürokratie im Kanton zu vereinfachen, der Kampf angesagt. Von da an wurde nämlich die 1982 entwickelte Kunstsprache Rumantsch Grischun zur “offiziellen” Sprache der Rätoromanen. Doch dieser Rettungsversuch stiess nicht nur auf Akzeptanz. Zwar gibt es Idiome, die mit der neuen Sprache durchwegs Gemeinsamkeiten haben, doch längst nicht alle Idiome können dies von sich behaupten.

 

Als ich meine rätoromanischen Klassenkollegen einmal ganz naiv nach Rumantsch Grischun fragte, löste das eine ganze Welle von Unmut gegenüber der neuen Standardsprache aus. Die Sprache sei zu kompliziert und klinge zu fremd. Sie würden einfach so sprechen, wie sie zu Hause auch sprechen würden – nämlich ihr Idiom.

 

Sprache ohne Wurzeln

Hier stellt sich dem Betrachter doch die Frage, warum ausgerechnet eine künstlich angelegte Sprache dafür geeignet sein sollte, die sprachlich durchaus wertvollen Idiome zu retten. Eine Sprache kann nur leben, wenn sie gesprochen wird und von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert wird. Die Argumente der Befürworter, dass Rumantsch Grischun die Administration vereinfachen würde, sind zwar richtig. Aber: muss denn eine Sprache, die nur noch von etwas mehr als zehn Prozent der Bevölkerung Graubündens und nur noch knapp einem Prozent der gesamtschweizerischen Bevölkerung gesprochen wird, eine eigene Amtssprache haben? Lebt eine von Minderheiten gesprochene Sprache nicht gerade davon, dass sie stark in den einzelnen Regionen verwurzelt ist?

 

Laut der UNESCO gehört Rätoromanisch zu den vom Aussterben bedrohten Sprachen. Doch wie kann man nun eine solche Sprache schützen? Das ist nicht einfach, da man ja auch in den kantonalen Verwaltungen nicht in allen Idiomen sprechen kann. Von den (Deutsch sprechenden) Politikern Graubündens kommt indes wenig Verständnis. Das sei ein Problem der Rätoromanen. Vielleicht haben sie auch Recht, es ist tatsächlich ein Problem oder auch eine Herausforderung der Rätoromanen, wohin diese sich mit ihrer Sprache orientieren wollen.