Kultur | 25.01.2012

Nathan, wie man ihn noch nie gesehen hat

Text von Ramona Stelzner
Statt seriöser Ruhe war es leises Gekicher - hie und da auch mal ein Raunen, das durch die Reihen der Premierenzuschauer ging. Sie alle hatten sich versammelt, um sich am Theater St. Gallen das dramatische Gedicht "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing anzusehen, und hatten mit dem, was ihnen geboten wurde, sicher nicht gerechnet.
Lärm der Moderne: Nathans letzte Zeilen gehen im Bombenhagel unter.

Lessings Stück spielt in Jerusalem im 12. Jahrhundert, einer Zeit, in der Anhänger der drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) sich gerade in einem Waffenstillstand befinden, der jedoch bloss von kurzer Dauer ist. Nathan (Marcus Schäfer), ein reicher Jude, kehrt von einer Reise zurück und wird von Daja (Diana Dengler), der christlichen Gesellschafterin seiner Tochter, darüber in Kenntnis gesetzt, dass sein Haus in Brand geraten war. Seine Tochter Recha (Hanna Binder) wäre beinahe verbrannt, hätte sie nicht ein junger Tempelherr (Julian Sigl) aus dem Brand gerettet. Dieser war kurz zuvor vom Sultan Saladin (Oliver Losehand) begnadigt worden und dadurch zufälligerweise dem Tod entronnen. Später bittet der Sultan auf Anraten seiner Schwester Sittah (Boglárka Horváth), Nathan zu sich, damit dieser ihn von seinen Geldsorgen befreie. Doch als Nathan bei ihm eintrifft, fordert der Sultan ihn zu aller erst dazu auf, ihm die Weisheit zu demonstrieren, die das Volk ihm nachsagt. Diese zu prüfen, stellt Saladin ihm die Frage nach der wahren Religion. Nicht nur die Beantwortung dieser Frage, sondern auch die plötzlich entstandene Liebe zwischen Recha und dem Tempelherrn scheinen schwer lösbare Probleme zu sein.

 

Toleranz im Gaza-Streifen

Ein Stück, in dem Lessing für die gegenseitige Toleranz der Religionen plädiert. So manch einer erwartete hier die dieser Thematik angemessene Seriosität. Stattdessen verstand es Tim Kramer (Inszenierung), sowohl die Tragik als auch das Komische, das durchaus aus Lessings Werk zu lesen ist, einzufangen. Dank der Unterstützung durch Gernot Sommerfeld (Bühne), Natascha Maraval (Kostüme) und Heinz Fallmann (Musik) gelang es nicht bloss, diese anspruchsvolle Lektüre auf eine verständliche, menschliche Ebene herab zu brechen, sondern auch die Probleme der Moderne zu verdeutlichen und dem Zuschauer wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen, dass mangelnde Toleranz nicht zwingend etwas Altertümliches, längst Vergangenes sein muss. Gernot Sommerfeld hat die Bühne in ein kleines Fleckchen im Gaza-Streifen verwandelt. Eine sowohl physisch als auch geistig unüberwindbare Mauer im Hintergrund und im Vordergrund ein verlassenes Trümmerfeld, das die friedliche, kriegsarme Welt repräsentieren könnte – das alles unterstreicht die Idee der Inszenierung.

 

Der Templer im Duschvorhang

Bis zu drei Texthefte, allesamt auf der Bühne verteilt, vorgelesene Regieanweisungen, plötzlich erschei- nende Charaktere, die mit keinem Wort im Stück erwähnt werden – diese Elemente der Inszenierung werden nicht jedem gleichermassen zusagen. Die Bandbreite der Adjektive, die für diese eigenartigen Ideen verwendet werden, wird wohl von “genial” bis hin zu “grotesk” reichen. Auch die von Natascha Maraval eingesetzten Kostüme, wie ein mit einem Kreuz verzierter Duschvorhang als Umhang des Tempelherrn, werden wohl nicht jedermanns Geschmack treffen, vielleicht sogar als “unverschämt” empfunden werden.

Da es sicherlich schwierig ist, unter diesen Bedingungen auch noch schauspielerisch zu überzeugen und dafür zu sorgen, dass das Stück amüsant, aber in keiner Weise trivial daher kommt, muss allen Schauspielern an dieser Stelle für ihre Leistung gedankt werden. Sie alle spielten ihre Rollen hervorragend, anders kann man es nicht ausdrücken. Besonders stach Marcus Schäfer hervor, der die Rolle des Nathan glanzvoll meisterte. Er repräsentierte den Menschen, den Lessing wohl darstellen wollte, der einerseits ein bedachter Geschäftsmann andererseits ein liebender Vater ist, grossartig. Des Weiteren fiel Julian Sigl als Tempelherr auf. Er spielte seine Rolle mit reichlich Vehemenz, die jedoch nicht übertrieben wirkte. Auch die blauäugige, plötzliche Verliebtheit in Recha nahm man ihm vollkommen ab. Zu guter Letzt muss David Steck, der nun schon seit 1988 festes Mitglied im Schauspielensemble St.Gallen ist, zu seiner Verkörperung des Derwisches Al Hafi gratuliert werden, denn er spielte seine Rolle nicht nur herausragend gut sondern auch sehr authentisch.

 

Somit lässt sich viel Positives über diese Aufführung sagen. Auch die Idee, die letzten Zeilen monologisch durch Nathan lesen zu lassen (siehe Bild), weil die übrigen Ensemblemitglieder vor den Bombenangriffen fliehen müssen, ist an und für sich gut, bloss die Tatsache, dass die Worte schlussendlich im Bombengedröhn ganz verloren gehen, ist überaus bedauernswert. Da das die einzig negative Kritik ist, die ich anzubringen habe, möchte ich abschliessend nur noch sagen, dass diese Inszenierung wieder einmal überaus gelungen ist, und möchte allen dringendst empfehlen, eine der verbleibenden Vorstellungen zu besuchen.

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