Gesellschaft | 31.01.2012

Macht, was ihr wollt!

Was hat die Emanzipation bloss mit den Männern angestellt? Ein "Zeit"-Artikel hat unlängst die endlose Diskussion um den "richtigen Mann" wieder aufgekocht. Es ist an der Zeit, die ungeniessbare Brühe aus Rollenbildern und Vorurteilen ein für alle Mal wegzuschütten.
Seine Wände baut der Mensch sich selbst, hüben wie drüben.
Bild: Rainer Sturm/pixelio.de

Der verklemmte Mann, die uneroberte Frau, ein Drama ohne Akt. Nina Pauers Artikel, der vor einigen Wochen in der “Zeit” erschienen ist, kritisiert den Mann von heute und hat damit hohe Wellen geworfen. Junge Männer dächten zu viel über sich selbst nach und vernachlässigten dabei die wahren Wünsche der modernen Frau. Die Emanzipation sei zwar gut und richtig, habe dem Mann aber die Orientierung geraubt, weswegen er seine Beziehungen überreflektiere. Das sei ein grosses Problem und habe vielleicht etwas mit der Gesellschaft zu tun, vor allem aber mit den jungen Männern selbst.

 

Der Artikel fasst zwar die Klagen vieler junger Menschen zusammen, das Problem bezeichnet er leider nicht. Das wahre Problem ist nämlich der Artikel selbst. Pauer resigniert, genau wie ihre jungen Leute, vor der ach so verkehrten Welt, die doch ach so einfach sein könnte. Sie macht genau das, was sie dem Mann von heute vorwirft: Sie trauert selbstverliebt vor sich hin, anstatt eine Lösung zu suchen. Damit ist jetzt Schluss. Probleme und Lösungen: Davon handelt dieser Kommentar.

 

Problem 1: Peinlichkeit

Warum sollte man als Mann etwas wagen, wenn einem Spott und Demütigung drohen? In Fernsehserien wie “Two and a Half Men” und “Big Bang Theory” lachen wir tollpatschige Typen aus, die sich in urpeinlichen Aktionen am Laufband vor und von Frauen demütigen lassen. Hinter dem Gelächter steckt jedoch immer die heimliche Angst, selbst so einer zu werden. Die Boulevard- und Peoplepresse tut ihr Übriges, zerfetzt Prominente, die sich gerade scheiden lassen. Der Fehler wird in den Mittelpunkt gerückt, die guten Seiten gehen vergessen. Daher soll man sich nicht wundern, wenn der junge Mann sich heute sagt: Wer nicht wagt, der nicht verliert.

 

Problem 2: Perfektionismus

Der junge Mensch ist wie ein Börsencomputer. Er optimiert sein Leben, immer und überall, jede Chance wird gepackt, jede Marge ausgenutzt. Auch in seinen Beziehungen. Seiten wie Whatsyourprice.com suggerieren, dass nun einmal jeder Mensch einen Marktwert habe. Sobald die Kurse des Partners sinken oder sich eine neue Möglichkeit auftut, gilt es zu verkaufen. Das Gegenüber wird zum austauschbaren Objekt – das sieht man auch Woche für Woche im Ausgang. Wer in diesem entwürdigenden Menschenkasino nicht mitmachen möchte, bleibt dem Markt halt fern.

 

Problem 3: Rollenbilder

Die meisten Männer sind nicht wie Ryan Gosling (gesehen in: “Drive”). Vermutlich ist nicht einmal Ryan Gosling wie Ryan Gosling. Und hier liegt der Hund begraben: Die Emanzipation hat vielleicht die Körper, nicht aber die Köpfe befreit. Wir klammern uns noch immer an alte und neue Rollenbilder, anstatt so zu leben, wie wir das wollen. Wir schauen nach links und rechts, um uns zu vergewissern, ob wir auf dem akzeptierten Pfad bleiben, anstatt geradeaus zu schauen und den Weg einfach zu gehen. Die pausenlose Frage “Mache ich das richtig?” ist es, die unsexy wirkt, wie das Pauer auch lang und breit ausführt. “Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten”, sagte Rousseau. “Ketten, die er sich selbst anlegt”, möchte man hinzufügen.

 

Lösung: Das Leben wagen

Das pausenlose Gerede über den “richtigen Mann” – wie oft er ins Krafttraining geht, was er beim ersten Date um jeden Preis vermeiden muss, wie er sich im Bett anstellt – ist die einzige Gefahr, welcher der Mann von heute mit aller Unerbittlichkeit entgegentreten muss. Solch abgehalfterte Vorurteile darf man, wie Gosling es im Film mit seinen Gegnern durchexerziert, auch einmal erbarmungslos durchprügeln, sie lenken nur vom Wesentlichen ab. Verbrennt eure Männermagazine, schaltet den Fernseher aus, boykottiert die People-News! Es muss sich wieder lohnen, eine eigene Sicht auf die Welt zu entwerfen. Dafür braucht es offene und mutige Männer und Frauen, aber garantiert keine weinerlichen Feuilleton-Artikel.

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