Kultur | 16.01.2012

Kunst, eine Philosophie, man muss sie nur sehen

Text von Elias Rüegsegger | Bilder von Elias Rüegsegger
Vier künstlerisch versierte junge Frauen versuchen gemeinsam den Begriff Kunst zu definieren. Von Provokation bis Faszination umfasst die visuell wahrnehmbare Kunst ein breites Spektrum. Für diese müsse man aber sensibilisiert sein, so das Fazit der Gesprächsrunde.
Fototermin für Anna-Lena Schroers, Carol Mütschard, Clarissa Matter, Andrina Stauffer. Künstlerisch möchten sich die vier Bernerinnen weiterbilden.
Bild: Elias Rüegsegger

Am Tisch sitzen vier junge Frauen, oder könnten sie hier auch als “Künstlerinnen” bezeichnet werden? Seit einem Semester ist Anna-Lena Schroers (20) an der Hochschule der Künste (HKB). Sie studiert Vermittlung und Design und findet: “Es ist nicht verboten, dass Kunst auch einmal ästhetisch sein darf.” Andrina Stauffer (18) besucht das Gymnasium Hofwil, welches für seine Kunstausrichtung bekannt ist, zudem macht sie den gestalterischen Vorkurs in Bern. Andrina aus Heimberg in Thun schwärmt von Kunst: “Wenn jemand etwas kreiert, das andere zum Überlegen anregt, dann hat er etwas erreicht.”

 

Clarissa Matter (16) besucht den musischen Gymer Thun Seefeld, mit Schwerpunktfach bildnerisches Gestalten. Kunst ist für sie Faszination und Provokation zugleich: “Damit ich mich auf ein Kunstwerk einlasse, muss es mich faszinieren und begeistern können. Ein Werk kann aber auch provozieren.” Ein Bild löse, so die Berner Oberländerin, bei jedem und jeder etwas anderes aus. Mit Carol Mütschard (18) ist die Runde komplett, sie ist angehende Gestalterin Werbetechnik und absolviert neben der Lehre die Berufsmatura. Was ist bildende Kunst? So laute die entscheidende Frage, sagt Carol, die sich auch für Sport und Musik interessiert: “Ich kann mich immer fragen, ist das, was ich geschaffen habe, Kunst?”

 

Kunst ist vieles…

Begriffsdefinition. Wikipedia definiert etwas vage, bildende Kunst sei eine “Sammelbezeichnung für die visuell gestaltenden Künste, die vorwiegend mit Materialien arbeiten”. Sie würden trotz Überschneidungen mit Literatur und Musik von diesen unterschieden. Aber Kunst ist doch vieles mehr? Die vier jungen Frauen debattieren. “Kunst ist ein Kommunikationsmittel. Kunst ist subtil und nicht offensichtlich. Die Aussage stösst einen nicht vor den Kopf, der Betrachter wird einbezogen, so entsteht zwischen Betrachter und Kunstwerk ein Dialog”, erläutert Anna-Lena.

 

Der Künstler könnte seine Aussagen ja auf ein Plakat schreiben, das wäre aber nicht der Sinn und Zweck der Kunst. “Kunst muss man nicht auf den ersten Blick sehen”, findet auch Andrina. Der Sinn des Kunstwerkes liege vielleicht manchmal verborgen, ist man sich im Plenum einig. Ist denn das Telefon auf dem Tisch vor uns auch Kunst? Ja, findet Andrina, denn der Entwickler dieses Gerätes “hat sich dabei etwas überlegt”. Anna-Lena nimmt den Faden auf: “Design ist auch eine Sparte der Kunst.”

 

…und noch mehr

Clarissa Matter kommt auf Geschichtliches zu sprechen. “Kunst ist Teil der Kultur, Kultur begann auch mit Kunst, denken wir nur an Höhlenmalereien.” Im Leben jedes Menschen stellt sich jeder selber dar, in dem er sich kleidet, kommuniziert und gestikuliert – ist auch dies Kunst, Lebenskunst? Andrina bejaht. Als Beispiel nennt sie das eigene Facebook-Profil: “Mit dem Profil versucht der User sich selbst darzustellen und dadurch kreativ zu wirken. Hier sehe ich die Verbindung zur Kunst.” Clarissa geht das zu weit: “Kleidung ist im weitesten Sinn Kunst. Wenn ich aber nun von mir behaupte, der Pulli, den ich trage, sei Kunst, finde ich das überheblich.”

 

Kunst in der Schule

“Weil man mit offenen Augen für Inspiration durchs Leben geht, hofft man immer etwas zu finden. Man sieht die kleinen Dinge”, sagt Anna-Lena. Kunst, dafür sollen Alt und besonders Jung sensibilisiert werden, so der Tenor der Diskutierenden. Die Volksschule kann zu dieser Sensibilisierung beitragen. In Carols Schule sei es so gewesen, “dass jener, der am schönsten zeichnete, die Note sechs erhielt”.

 

Die jungen Frauen kennen es, in der Schule auf Termin ein Kunstwerk abzugeben, welches Beurteilungskriterien erfüllen muss. Hier sehen sie ein gewisses Problem. Clarissa fragt, ob es denn fair sei, etwas zu bewerten, “bei dem es kein richtig oder falsch geben sollte”. Weil Kunst schwer zu definieren ist, kann man sie schlecht in die Schule einbinden. Das Umfeld der Kinder ist hier also gefordert. Kindern sollte man ihre Kreativität lassen.

 

Kunst als Beruf

Sensibilisiert sind sie, doch können sich die vier Schülerinnen vorstellen, später einmal den Beruf der Künstlerin auszuüben? “Ich möchte nicht von der Kunst leben müssen. Sie ist ein Hobby und soll eines bleiben”, sagt die Gymnasiastin Clarissa mit Schwerpunktfach bildnerisches Gestalten. Die angehende Werbetechnikgestalterin Carol ergänzt: “Als Profi ist man unter Druck und muss produzieren, es entsteht dann nicht mehr immer Kunst.” Das wäre schade, finden Andrina, Carol, Clarissa und Anna-Lena.