Gesellschaft | 09.01.2012

Eine Jugendseite mit Tiefgang wird 15

Ehemalige Mitarbeiter der Jugendseite "Pfeffer" trafen sich auf der Redaktion des Thuner Tagblatts (TT). Sie schwelgten während einer Stunde in Erinnerungen aus früherer Zeit. Auf ihrem Weg hat sie die Jugendseite begleitet und geschult. Doch was macht den Pfeffer aus, wer schreibt dort, für wen schreiben die Jungen und warum gibt es den Pfeffer im Sommer 2012 seit 15 Jahren?
Der PFEFFER, im TT in Grossbuchstaben geschrieben, ist von Jugendlichen für Jugendliche und neugierige Erwachsene.
Bild: zvg Ehemalige "Pfefferlinge": Thomas Kobel, Marco Zysset, Christine Karlen, Sandro Genna (v.l.n.r.) in den Redaktionsräumen des Thuner Tagblatts. Elias Rüegsegger

Marco Zysset, 33 Jahre alt, ist heute Redaktor für das Thuner Tagblatt, er war Pfefferling erster Stunde. Schreiben gehörte schon immer zu seinen Hobbys, er hätte aber als Teenager nie gedacht, dass er einmal für das TT schreiben wird: „Ich konnte mir nicht vorstellen, über das Männerchortheater und die Frauenvereinsweihnachten zu schreiben.“ Bereits vor der Erstausgabe des Pfeffers schrieb er für das Thuner Tagblatt, oft oder eigentlich nur über die Konzerte im Thuner Mokka. „Ich war damals der jüngste freie Mitarbeiter der Zeitung und gemeinsam mit der jüngsten Redaktorin Barbara Donski riefen wir den Pfeffer ins Leben.“ Hauptgrund für die Lancierung war eine Studie, die untersuchte, wer das TT liest. Heraus kam, wenig überraschend, dass Junge das TT nicht oder nur wenig lesen. Die Idee war, eine Seite von Jugendlichen für Jugendliche zu gestalten.

 

Kampf um Seiten

Wie ist das heute? Thomas Kobel, 25, heute freier Mitarbeiter und Student der Germanistik und Philosophie: „Für mich ist klar: der Pfeffer ist eine Seite von Jugendlichen über Jugendliche“, es gebe es schon, dass Gleichaltrige den Pfeffer lasen und lesen. Damit sei das Grundziel aber nicht erreicht, der Pfeffer erreicht die Jungen nicht. Thomas Kobel fühlte sich oft in der Rolle des Sprachrohrs für die Jugend. „Aber ich fühlte mich überhaupt nicht repräsentativ. Ich hätte es toller gefunden, wenn mehr Junge die Seite gelesen hätten.“ Marco Zysset sieht das etwas anders: „Ich finde es gut, wenn einmal die Alten lesen, dass Jugendliche eine differenzierte Recherche machen können. Das Bild der Jugend wird um einen positiven Mosaikstein reicher.“

 

Christine Karlen ist 28 und schrieb hauptsächlich Kolumnen für den Pfeffer. „Ich war damals die einzige, die nicht das Gymnasium besuchte.“ Oft habe sie das Team darauf hingewiesen, dass es auch Jugendliche gibt, welche eine Lehre machen und somit etwas andere Interessen hätten. Sandro Genna, 30, heute Rechtsanwalt, war während seiner Pfeffer-Zeit vor allem durch seine Kommentare aus dem Militärdienst bekannt: „Ich werde noch heute darauf angesprochen.“ Sandro Genna war eine ganze Weile quasi alleiniger Schreiberling: „Es gab Zeiten, wo man um jedes Thema froh war. Eine Zeit lang bestritt ich den Pfeffer fast allein.“ Auch Thomas Kobel hat in Erinnerung, dass man gekämpft hat, um jede zweite Woche eine Seite publizieren zu können: „Im Team waren alle gottenfroh, wenn ein Thema umgesetzt wurde.“

 

Schule und Déjà -vu-Erlebnisse

Der Pfeffer sei für das Thuner Tagblatt der beste Nachwuchspool für freie Mitarbeiter, sagt Marco Zysset. Thomas Kobel meint, dass „alle, die für den Pfeffer schreiben, bereits eine Affinität zum Lesen und Schreiben haben.“ Christine Karlen ergänzt, dass es Leute gibt, die nicht „journalistisch Schreiben“ könnten, es habe also auch mit Talent zu tun. Ohne das wäre die Ambition, bei der Zeitung mitzuarbeiten, nicht gegeben. Heute leitet Karlen die interne Zeitung ihres Arbeitgebers als Redaktorin und ist Teamleiterin Beschaffung und PPS (Produtkionsplanung- und Steuerung). Sandro Genna erklärte: „Die Arbeit für die Jugendseite ist eine ideale Schulung, gerade, wenn man später beruflich Richtung Journalismus gehen will.“ Wie lernt man denn gut Schreiben? Marco Zysset, dessen Beruf das Schreiben ist: „Regelmässiges und in einen Planungsrhythmus eingebundenes Schreiben trainieren einen. Es ist ein intuitives Lernen.“

 

„Wenn ich sehe, was ihr heute schreibt, denke ich, das haben wir ja alles auch schon geschrieben.“ Sandro Genna spricht von Déjà -vu-Erlebnissen. Natürlich seien es ähnliche Themen geblieben, die Jugendliche interessieren, wie die Zukunft und die Suche nach der eigenen Identität, so der Tenor aus der Runde. Thomas Kobel interessieren aber nach wie vor Themen, die ihn auch damals interessierten: „Vielleicht verwachse ich das noch.“ Was Marco Zysset erstaunt: „Wie viel Tiefgang und hohen intellektuellen Anspruch die Jugendseite hat und haben will.“ Ihm fehle heute vielleicht etwas der Mix mit unterhaltsamen Themen. Die Jugendseite ist heute hauptsächlich monothematisch, fiel fällt Zysset weiter auf.

 

Wünsche für 2012

Was wünschen Ehemalige dem Pfeffer für die Zukunft? Marco Zysset: „Leute, Leser und Leidenschaft.“ Thomas Kobel wird konkreter: „Ein grosses Team, mit viel Spass, welches eine gute Eigendynamik entwickeln kann und alle einander gegenseitig mit Ideen anstecken.“ Christine Karlen: „Ich wünsche viel mehr Junge, welche für den Pfeffer schreiben – entgegen der Meinung der Jungen ist das eine sehr coole Freizeitbeschäftigung, wenn nicht auch eine Lebensschule.“ Sandro Genna, der voll des Lobes für den Pfeffer ist und auch heute noch die Jugendseite liest, sagt knapp: „Ich wünsche mir weitere 15 Jahre Pfeffer.“

 

Elias Rüegsegger, 17 Jahre alt, schreibt seit Dezember 2010 für den Pfeffer und seit Anfang 2011 für Tink.ch. Er hat das Gespräch geleitet und organisiert.

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