Gesellschaft | 10.01.2012

Der Weg zur Eidgenossin

Text von Veronika Henschel | Bilder von Katja Rutz
Die Entscheidung für das blaue Kärtchen mit dem Schweizerkreuz hatte ich nun schon vor einiger Zeit getroffen. Im Internet und auf der Gemeinde besorgte ich mir alle nötigen Formulare und sitze nun am Schreibtisch, den Kugelschreiber in der Hand. Teil zwei der Serie "Ich lasse mich einbürgern".
Formulare über Formulare: Die Einbürgerung bringt einen gewaltigen Papierkrieg mit sich.
Bild: Katja Rutz

Name, Vorname, Adresse will die Schweiz von mir wissen. Kinderleicht. Dann wird es schon schwieriger. “Arbeitgeber” steht da, dann “Beruf” und gleich darunter “Telefonnummer G”. Soll ich da jetzt meine Telefonnummer hinschreiben? Oder die Telefonnummer des Arbeitgebers? Aber was ist bitte die Telefonnummer der Uni? Weiter geht es durch den Papierwald. Drei Referenzpersonen sind gefragt, dann ist das erste Formular ausgefüllt.

 

Das zweite Papierbündel trägt den Titel “Lebenslauf”. Darin werden Infos über bisher besuchte Schulen im In- und Ausland, die Familiengeschichte, sowie Beziehungen zum Heimatstaat, über Hobbies, Engagements in Vereinen und die Beweggründe zur Einbürgerung erfasst. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, sein Leben in ein Formular zu quetschen. Wenn ich alles so vor mir aufgelistet sehe, kommt es mir fremd vor, wie das Leben eines Anderen.

 

Kampf der Bürokraten

Jetzt fehlen nur noch Wohnsitzbescheinigung, Strafregisterauszug, Ausweiskopien und ein Auszug aus dem schweizerischen Zivilstandesregister. Kein Problem, oder? Ich mache mich auf den Weg zum Zivilstandsamt, schaue aber vorher noch bei der Post vorbei, um den Auszug aus dem Strafregister zu bestellen. Die Dame am Schalter tauscht die üblichen Nettigkeiten mit mir aus. Typ: Freundliche Teilzeitmutter und erfüllte Hausfrau. Dann fragt sie nach meiner ID und ich lege das C-Büchlein in die Schale. Die Frau verstummt und wünscht mir zum Abschied keinen schönen Tag. Ich bin verwirrt.

 

Im Zivilstandsamt werde ich von einem Büro ins nächste geschickt. Es stellt sich allerdings heraus, dass der zuständige Beamte gerade in den Ferien weilt. Ein überlasteter und schlecht gelaunter Stellvertreter hilft mir schliesslich weiter. Weil ich beweisen muss, dass ich überhaupt existiere, bevor bestätigt werden kann, dass ich nicht verheiratet bin, brauche ich eine Geburtsurkunde. Die darf allerdings nicht älter als sechs Monate sein. Wieder zu Hause nehme ich Kontakt mit den deutschen Behörden auf. Für den Zettel verlangen sie zehn Euro Gebühren. Also wieder ab zur Post, wo man mir erklärt, dass die Überweisung nach Deutschland zusätzlich eine Gebühr von zwölf Franken mit sich bringt. Wie ermüdend.

 

Viel Geld, wenig Gefühl

Wochen später ist die Geburtsurkunde da. Wieder ab aufs Amt. Zuerst soll ich kontrollieren, ob die Daten richtig von der Urkunde in ein anderes Formular übertragen wurden. Das kostet mich 30 Franken. Dann wird mir gesagt, dass man mir ebenjenes Formular zuschicken würde – wiederum für 30 Franken plus zwei Franken Porto. Wieder bin ich verwirrt und kann bis zum Schluss nicht herausfinden, weshalb ich das Formular nicht gleich mitnehmen darf.

 

Nach mehreren Stunden im Internet, am Telefon, in Büros und am Postschalter sowie gute hundert Franken später stecke ich – nervlich am Ende – den dicken Papierstapel in einen Umschlag und beschrifte ihn sorgfältig. Nun heisst es warten, warten bis sich die Mühlen der Bürokratie in Gang gesetzt haben. Ich denke an die verschiedenen Menschen, die mir bis jetzt auf dem Einbürgerungsweg begegnet sind. Leider war der Grossteil nicht wirklich freundlich. Wieso nur? Bin ich nicht bald eine von ihnen? Ist man in der Schweiz nicht willkommen oder wird man nicht zumindest akzeptiert? Die Antwort folgt im dritten Teil der Serie “Ich lasse mich einbürgern”.

 

Zur Autorin


Veronika Henschel ist neunzehn Jahre alt. Sie lebt und studiert in Basel. Als Kind deutscher Eltern ist sie mit neun Jahren in die Schweiz gezogen. In der Ostschweiz zur Schule gegangen, spricht sie zwar breitesten Toggenburger Dialekt, hatte aber bis anhin nicht die Schweizerische Staatsbürgerschaft. Auf Tink.ch berichtet sie in einer losen Serie von ihren Erfahrungen im Umgang mit den Behörden, der Schweiz und mit sich selber. Heute erscheint der zweite Teil dieser Serie.