Gesellschaft | 10.01.2012

Ausser Betrieb

Text von Elin Fredriksson | Bilder von zVg
Alles, was ich an jenem Donnerstagmorgen wollte, war, in der Pause meines Französisch-kurses einen Kaffee zu trinken und die Toilette zu benutzen. Doch leider war das nicht möglich, wegen zwei Wörtern, die in Brüssel auf Platz eins der meistbenutzen Wörter stehen: Hors service.
Der Streik, der Brüsseler liebste Beschäftigung.
Bild: zVg

Ausser Betrieb. Genau das stand auf dem Kaffeeautomaten, als mein Körper nach zweieinhalb anstrengenden Französischstunden nach Koffein lechzte. Ok, dachte ich, kann ja mal vorkommen, dass so eine Maschine kaputt geht. Als ich die Toilette betrat, kam gerade eine andere Sprachschülerin raus und rief im Vorbeigehen: “La lumière ne marche pas!” (Das Licht funktioniert nicht!) Ok, dachte ich wieder, auch das Licht mag ab und zu mal den Geist aufgeben; im Dunkeln pinkeln kann ja durchaus auch als Abwechslung betrachtet werden. Als ich danach die Hände nicht waschen konnte, weil auch der Wasserhahn hors service war, hatte ich endgültig begriffen: Belgien ist irgendwie anders. Dies bestätigte sich danach in zahlreichen Situationen. Hier die Top fünf:

 

1. Das Schliessfach

Ich war im Hallenbad und suchte nach Schliessfächern für meine Wertsachen. Ich suchte und suchte, fand jedoch weder Schliessfächer noch einen Menschen, den ich danach hätte fragen können. Als ich endlich so etwas Ähnliches wie einen Bademeister entdeckte, fand folgender Dialog statt:

 

Ich: Guten Tag. Ich würde gerne meine Wertsachen in ein Schliessfach legen.

Er: Sie können ihre Wertsachen in der Kabine lassen.

Ich: Aber… da kann ja jeder rein.

Er: Mais non, ich schliesse ab!

Ich: Aha. Und ich muss Sie dann wieder suchen, wenn ich wieder rein möchte?

Er: Mais non, Mademoiselle, schreien Sie einfach durch den Gang, dass jemand ihre Kabine aufmachen soll, dann kommt schon jemand.

 

Das Beste am Ganzen ist, es hat tatsächlich auch so geklappt.

 

2. Die Dusche

Es war Dienstagmorgen und ich wollte duschen. Doch als ich die Dusche aufdrehte, kam kein Wasser. Ich rannte durchs ganze Haus und drehte alle Wasserhähne auf, doch nirgendwo kam auch nur der kleinste Tropfen raus. Als ich kurz darauf vor die Haustür ging, um zu sehen, ob irgendetwas Besonderes im Quartier los war, kam prompt ein Klempner auf mich zu und meinte locker: “Mademoiselle, wir haben gerade das Wasser abgestellt.” Darauf ich: “Ja, vielen Dank, aber das habe ich gerade selbst gemerkt.”

 

3. Der Fussgängerstreifen

Wenn ich es eilig habe, renne ich auch mal dort über die Strasse, wo kein Fussgängerstreifen ist. In der Schweiz müsste man sich in solchen Fällen auf ein Hupkonzert und ein Gefluche einstellen. Nicht so in Brüssel. Der belgische Autofahrer hält freundlich an und winkt einem sogar noch zu. Der Fahrstil der Belgier ist sowieso sehr flexibel, nett ausgedrückt.

 

4. Die Baustelle

Ein alltäglicher Spaziergang durch Brüssel wird schnell zum Fitnessparcours. Brüssel besteht nämlich zu grossen Teilen aus Baustellen. Die Baustellen sind zwar begrenzt, jedoch so unklar, dass Fussgänger quer darüber laufen und Bauarbeiter einen durchaus mal über ein offenes Trottoir springen lassen. Übrigens, wenn belgische Bauarbeiter Pause haben, dann haben sie sofort Pause, und nicht erst, wenn der Bauklotz am Boden angekommen ist. Da kann es schon mal vorkommen, dass fünf Zentimeter über dem Kopf ein riesiger Bauklotz baumelt.

 

5. Der Streik

Das Lieblingshobby der Belgier ist der der Streik. An solchen Tagen steht der öffentliche Verkehr komplett still und auch andere öffentliche Dienste sind eingeschränkt. Wer an den Streiktagen nicht durch die ganze Stadt pilgern will, muss wohl oder übel zu Hause bleiben. Auf die Idee, das Auto zu nehmen, kommen nämlich alle.

 

Als ich mich an jenem Donnerstagmorgen vom Französischkurs auf den Nachhauseweg machte, fuhren zwei Trams mit der Aufschrift «Hors service, sorry« an mir vorbei. Glaubt mir, es war keine Einbildung.