Gesellschaft | 06.12.2011

Sie und ich – wir sind eins

Text von Larissa Reber | Bilder von Dirk Beyer/Wikimedia
Der Wind wehte durch ihr braunes dichtes Haar und sie begann eine Melodie zu summen. Eine Melodie, welche ihr jede Angst zu nehmen schien.
Sie wusste, sie würde in wenigen Tagen wieder nach Hause fahren. Ohne mich. Das wurde ihr zum Verhängnis.
Bild: Dirk Beyer/Wikimedia

Sie setzte sich auf einen Felsen. Der Wind wehte durch ihr braunes dichtes Haar und sie begann eine Melodie zu summen. Eine Melodie, welche ihr jede Angst zu nehmen schien. Doch ich wusste, wie sie sich in ihrem tiefsten Innern fühlte. Nach der kurzen Zeit, den zwei Wochen die sie mit ihrer Tante in den Bergen verbrachte, kannte ich sie schon besser als mein eigenes ich. Ich liebte sie. Ich setzte mich neben sie, strich ihr sanft über die linke Wange. Sie erblasste. Ich hörte wie der Rhythmus ihres Herzens stockte. Sie spürte meine Anwesenheit. Nur deshalb kam sie jeden Morgen, noch bevor die Sonne aufging, hinter den grossen Berg zu den Felsen. Zu mir.

 

Nun erstarrte ihr hübsches Gesicht zu einem ernsten, verbitterten Gesicht. Dann schloss sie ihre Augen, stand auf und lief mit schnellen Schritten weg von mir. Sie blickte nicht zu mir zurück, weil sie wusste, dass ich sie dann weinen sehen würde. Ich wusste, dass all das was sich zwischen uns entwickelt hatte, nicht sein durfte. Ich wusste es. Und ich wusste auch, dass ich nur ihretwegen so lange in den Bergen verbleiben musste. Nicht hinübergehen konnte. Sie war der Grund dafür. All die Jahre, die ich gelitten hatte. Nur ihretwegen. Denn wir waren eins. Ohne sie gab es kein mich. Das wurde mir klar, als sie mich immer länger warten ließ. Nicht mehr jeden Morgen zu mir kam. Doch sie hielt es nicht ohne mich aus. Sie wusste, sie würde in wenigen Tagen wieder nach Hause fahren. Ohne mich. Das wurde ihr zum Verhängnis. Heute Morgen kam sie, um sich von mir zu verabschieden. Ich wusste, dass sie an jenem Morgen gezögert hat. Sie hatte zum ersten Mal an meiner Existenz gezweifelt.

 

Denn sie war ein Mensch. Sie hatte gelernt, nur an das zu glauben, was sie auch sehen konnte. Und ich war unsichtbar für sie. Ein verlorener Geist ohne Körper. Doch sie kam. Ich weinte. Ich schrie sie an. Doch sie konnte mich nicht hören. Ich drang in ihren Körper ein und sprach zu ihr. Bleib hier, bleib hier. Sie begann zu zittern. Zu beben. Sie weinte. Sie schrie, dass das alles keinen Sinn hätte. Dass sie ein Wesen liebte, welches sie quälte. Das wollte ich nicht. Ich wollte sie nicht quälen. Ich schwebte langsam, leicht aus ihrem Körper hinaus. Entfernte mich immer mehr von ihr. Doch etwas klebte an mir, ich konnte mich nicht davon befreien. Etwas zog mich immer wieder zu ihr hinunter. Dann hörte ich sie: «Lass mich nicht allein. Bitte. Bleib mei mir. Ich weiss, wie wir für immer miteinander vereint sein können. Ich habe eine Lösung.- Ich erfüllte ihr den Wunsch. Ich hielt ihre Hand, als sie sich auf die Klippe stellte, ich liess sie nicht los. Ich stiess mich gemeinsam mir ihr von der Klippe ab und flog.