Kultur | 13.12.2011

“Ich möchte keine musikalische Coca Cola machen”

Text von Martin Sigrist | Bilder von Martin Sigrist.
Sein neuestes Album besteht nur aus Geräuschen eines Schweinelebens: Matthew Herbert im Gespräch.
Matthew Herbert denkt an den Beginn seiner Laufbahn zurück: "Ich vermisse die Naivität."
Bild: Martin Sigrist.

Matthew Herbert fordert von seiner Zuhörerschaft und seinen Musikern so einiges. Eben ist der letzte Teil seiner aktuellen Trilogie erschienen. Nach “One One”, von ihm ganz alleine aufgenommen, folgte “One Club”, für welches er nur Aufnahmen eines Abends in einem Deutschen Klub verwendete. Jetzt erschien “One Pig”, nur aus Geräuschen eines Schweinelebens bestehend. Das neuste Werk brachte dem Musiker, welcher schon mit Róisín Murphy und Björk arbeitete, nicht nur Proteste von Tierschutzorganisationen ein. Tink.ch traf den 39-jährigen Briten in Winterthur und sprach mit ihm über seine Musik, vor allem aber über die Diskussionen darum.

 

Matthew, wie geht es dir?

Mir geht’s gut, doch ich merke, dass ich alt werde. Mein jüngster Sohn ist 18 Monate alt und wacht um sechs Uhr auf. Wenn ich an den Wochenenden Shows spiele und so nur eine Stunde Schlaf bekomme, geht das nicht. Dem Kind ist es aber natürlich egal, wenn ich erschöpft bin.

 

Warst du denn mal Rock’n’Roll?

Nein, ich glaube nicht. Wenn du das erste Mal auf Tour bist, dann trinkst du und machst solche Sachen. Es ist der einzige Job, wo man von dir erwartet, dass du dich betrinkst. Wenn du jung bist, ist es schon verführerisch, aber das kannst du nicht ewig tun.

 

Was vermisst du, jetzt da du älter wirst?

Ich vermisse es, in London zu wohnen, Teil einer Szene zu sein. Ich vermisse es zu sehen, wie sich etwas entwickelt, etwas entsteht, die Unschuld. Ich vermisse die Naivität, die du am Anfang hast. Ich habe 2’000 Konzerte gespielt, war auf zwei Dritteln der Welt. Das exotische für mich ist es nun, daheim zu sein.

 

Wie läuft deine aktuelle die Tour?

Es läuft sehr gut, ich freue mich sehr, mit etwas jüngeren Musikern zu spielen. Die haben mir sehr geholfen neue Wege zu finden, um live zu spielen, diese elektronische Musik ohne Rückendeckung. Wir haben Laptops und Strukturen, aber alles ist live und improvisiert. Elektronische Musik manuell zu spielen, das ist für mich der heilige Gral.

 

Bereits vor Erscheinen von “One Pig” gab es eine Diskussion über die Verwendung eines Schweins für Musik.

Das fand ich gut, denn ich wollte mit Musik eine Geschichte erzählen, und die Leute sollten darüber nachdenken. Ich mag die Idee, dass Musik herausfordern kann, denn heute ist die Musik viel zu sehr nur Dekoration. Aber ich war enttäuscht darüber, dass es bei einer CD davor, “there’s me and there’s you”, keine Kontroverse gab. Da gab es Geräusche von Palästinensern, die erschossen wurden, von israelischen Panzern, die palästinensische Gebäude zerstören. Bei einem Tier ist es viel emotionaler.

 

Hast du noch Lust, darüber zu sprechen?

Ich habe daraus gelernt. In der Vergangenheit habe ich Alben mit sehr dichten Strukturen gemacht, die viel Zeit beansprucht haben. Das macht es sehr schwierig, die Musik zu beschreiben. Das aktuelle Album ist aus einem Schwein gemacht, das ist schnell erklärt. Als Konsequenz ist es für die Leute einfacher, darüber zu sprechen. Ich finde es viel interessanter, darüber zu sprechen als über die benutzte Technik der Aufnahmen. Ich will darüber diskutieren, dass wir ein sehr brutales, unnachhaltiges und ungesundes Nahrungssystem aufgebaut haben. Das Schwein ist eine Metapher, wie wir die Umwelt und das Unbekannte behandeln. Es freut mich, wenn die Öffentlichkeit darüber nachdenkt. Es ist dabei aber erstaunlich und verwirrend, dass meine CD in Magazinen neben beispielsweise jener von Noel Gallagher auf die gleiche Art besprochen wird. Meine Arbeit stellt viel mehr moralische, philosophische und politische Fragen, als einfache Gitarrenmusik. Ich spreche dabei nicht von den Texten, aber über die Musik, wie sie gemacht wird.

 

Es ist eine andere Art Musik, die nicht nur der Unterhaltung dient.

Wir sehen Musik aber als Unterhaltung. Früher war das vielleicht nicht so, da hatte Musik noch eine breitere Funktion. Die Entwicklung ist revolutionär, früher hast du auf dem Piano gespielt, um ein Gebäude zu beschreiben, jetzt nehmen wir ein Mikrofon und zeichnen die Geräusche direkt auf. Musik kann jetzt dokumentieren. Das ist die gleiche Entwicklung wie von der Malerei zu Video.

 

Was sagst du Leuten, die deine Musik als zu kopflastig sehen?

Ich muss meine Musik nicht rechtfertigen. Das aktuelle Album wird durch das Schwein getragen, das ich aufgezeichnet habe. Ja, auf dem Album ist vieles nur Schwein und wenn du von der Musik nur Dekoration erwartest, dann kannst du dir das nicht anhören. Es kommt auf die Beziehung zu einem Schwein an, ob du’s dir anhören, ob du dich damit auseinandersetzen kannst. Es gibt dabei nicht nur eine, auch nicht die richtige Reaktion. Für mich soll Musik emotional sein. Wenn sie es nicht ist, habe ich etwas falsch gemacht. Zuerst sollen die Emotionen kommen, dann der Intellekt. Ich möchte nicht musikalische Coca Cola machen, welches die Leute gleich verstehen, nicht komplex ist, nicht heraufordert. Aber wenn die Leute das ignorieren wollen, können sie das tun.

 

Du hast mit dem aktuellen Album eine Trilogie abgeschlossen. Hast du dein Ziel erreicht?

Es klingt komisch, aber ich weiss nicht immer, was ich tue. Ich setzte zwar Prozesse in gang, wusste vorher aber nicht, was bei der Aufnahme mit dem Schwein herauskommt. Ich konnte mich damals nicht entscheiden, was ich tun wollte, also habe ich drei Dinge gemacht. Es war eine Reise ins Unbekannte. Beim ersten Album, “One One”, habe ich alleine gearbeitet, und ich kenne mich meistens ganz gut. Bei “One Club” wurde in einem Deutschen Klub aufgezeichnet, mit Leuten, die ich kannte, andere waren mir aber fremd. Bei “One Pig” habe ich ausschliesslich mit einem Schwein gearbeitet, welches mir gänzlich unbekannt war. Ich ging also immer weiter weg von mir Bekanntem. Es war eine Form von Improvisation. Dabei kommt es nicht darauf an, was du tust, sondern was du als nächstes tust. Wie Miles Davis gesagt hat, gibt es so etwas wie einen falschen Ton nicht. Es zählt, welchen du als Nächstes spielst. Für mich kommt es drauf an, was ich als Nächstes tue, auch wenn ich noch nicht weiss, was das ist. Ich würde gerne ein Album aus einem Ton von vielleicht fünf Sekunden machen, diesen dann fragmentieren und damit eine Stunde Musik machen.

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