Gesellschaft | 11.12.2011

Empfindungen eines Schlittens

Text von Yannick Voser | Bilder von Michael Scheurer
Hach, welch ein Hudelwetter. Eigentlich sollte Schlitti jetzt täglich von 9 bis 17 Uhr den Gurten hinunter flitzen. Eigentlich sollte er regelmässig gewachst werden und eigentlich sollte es Schnee haben! Uff, entschuldigt Schlitti. Er ist momentan einfach gefrustet. Der dritte Advent ist bereits vorbei und auf dem Berner Hausberg ist es immer noch nicht weiss! Seufz. Verrückte Welt.
Nicht jeder hat Freude an zu viel Freizeit... Schlitti der Schlitten vermisst den Schnee.
Bild: Michael Scheurer

Wenn ich mich vorstellen darf: Mein Name ist Schlitti. Ich bin ein echter Davoser Schlitten! Schon seit geraumer Zeit bin ich mit meinen 59 Kameraden hier auf dem Gurten untergebracht. Und fast jedes Jahr – bis auf dieses – sind wir um diese Zeit schon längst im Einsatz. Längst würden sich Kinder und Erwachsene auf uns schmeissen und sich tollkühn den Berg die über einen Kilometer lange Strecke hinunter stürzen. Tag für Tag würden wir Neues sehen und viele Erinnerungen sammeln! Doch nein. Dieses Jahr sollten wir wohl im Keller bleiben, und uns auf unseren Ruhestand vorbereiten. Mann, mann, mann… ich bin wirklich gefrustet. Es tut mir leid, dass ich so emotional reagiere. Doch es tut gut, ich fühle mich schon viel besser.

 

Dank euch, lieben Leserinnen und Lesern. Endlich habe ich jemanden gefunden, der mir zuhört und mich nicht einfach nach der Saison im Keller stehen lässt. Gut, ihr mögt jetzt denken: “Weiss der eigentlich, wozu er gebaut wurde?” Falsch gedacht. Es ist nicht das Problem dass ich nicht meiner Lieblingstätikeit nachgehen wollte. Vielmehr wird nichts für mich getan. Man könnte zum Beispiel den Hang künstlich beschneien. Wie in Wengen vor dem Lauberhornrennen. Okay, der Gurten ist keine Weltcupstrecke. Doch ich denke, die 1200 Meter Schlittelweg zu beschneien sollte möglich sein. Dann hätten alle etwas davon. Wir dürften endlich tun, was wir am besten können. All die Familien und turtelnden Paare kämen auf den Berner Hausberg. Viele Leute bekämen Hunger und gingen dann ins Restaurant. So würde man doch die Beschneiung finanzieren können, nicht wahr?

 

Aber wen interessieren schon die Gefühle eines Schlittens. Wenn es nicht schneien will, dann dürfen die laut einem Wettermoderator “clever aneinandergeordneten, mit Metallkufen bestückten Bretter” im Keller warten. Bis Frau Holle doch noch aufzustehen vermag. Vielleicht ist die gute Frau aber bereits wach, wird von Jahr zu Jahr älter und träger und kann mittlerweile ihre Kissen kaum mehr schütteln. Könnte das der Grund für den fehlenden Schnee sein? Ich glaube nicht. Denn wie Meteorologen sagen, haben die warmen Temperaturen etwas mit einer Welle von Saharawinden aus Süden zutun. Ob das plausibler ist als die Frau Holle-Theorie, weiss ich nicht. Denn ich wurde eigentlich nicht gebaut, um über solche Dinge nachzudenken.

 

Ich glaube, für dieses Jahr kaufe ich mir eine schöne Badehose und wir schmeissen eine Outdoor-Silvesterparty mit Sand und Hula-Tänzen. Bei diesen Temperaturen tummeln sich vielleicht bald Gäste zum Sonnenbaden auf dem Berner Hausberg. Huch, jetzt bin ich völlig abgedriftet. Tut mir leid. Eigentlich wollte ich ja eine Geschichte über die Tradition des Schlittenfahrens am Gurten erzählen. Doch nun ist es wohl mehr ein Abbauen des ganzen Frustes geworden, welcher sich während der Sommersaison angesammelt hat. Aber vielleicht mögt ihr, liebe Leserinnen und Leser, mir von euren vergangenen Schlittelabenteuern auf dem Gurten erzählen? Bis die diesjährige Saison vielleicht doch noch eröffnet wird.

 

Ein aufrichtiges Dankeschön und hoffentlich bis bald auf dem Gurten.

 

Gruss,

Schlitti und Friends