Gesellschaft | 05.12.2011

Ein wahres Märchen

Text von Michael Scheurer | Bilder von Michael Scheurer.
Auch wenn einige an der Existenz des Weihnachtsmanns zweifeln - Tink.ch hat ihn gefunden und konnte kurz vor dem Samichlausentag exklusiv Herr Samichlaus in seinem Alltag begleiten. Wir erfuhren, wer er wirklich ist, was er denkt und was ihn bewegt.
Der moderne Samichlaus. Wenn Weihnachten zum Business wird...
Bild: Michael Scheurer.

Es ist der 5. Dezember 2011. Ein kalter Wintermorgen um etwa 5.30 Uhr an einem unauffälligen Ort in Bern. Es könnte aber auch anderswo sein. Schon von weitem winkt er mir zu und im ersten Augenblick bin ich enttäuscht. Da fehlen ein roter Umhang, eine Rute und ein beladener Esel. Statt einem traditionellen Samichlaus steht ein gut bekleideter Geschäftsmann vor mir. Ausser der gutmütig tiefen Stimme und dem dichten weissen Bart ist nichts von einem Samichlaus wieder zu erkennen.

 

Herr Samichlaus bittet mich, in den schwarzen Sportwagen einzusteigen. Wir fahren los und unterwegs erzählt er mir, dass er sich der ungewohnten äusseren Erscheinung bewusst sei. “Leider gab es aber keinen anderen Weg meinen Berufsstand zu retten, als durch die Gründung einer Samichlausholding AG vor einigen Jahren. Deshalb bin ich nun ohne Esel und Nüsslisack unterwegs.” Ich erfahre, dass sein Tätigkeitsfeld mittlerweile weit über das eigentliche Kerngeschäft hinausreicht. “Samichlausness, also die Vermarktung von mir selbst bei Grosskonzernen auf der ganzen Welt, ist ein wichtiges Standbein geworden.”

 

In hohem Tempo biegen wir in die Autobahneinfahrt Richtung Zürich ab. Es könnte auch eine andere Richtung sein. Im Radio erklärt eine Modeberaterin, wofür die neue Weihnachtsgarderobe am besten eingekauft werden sollte. Plötzlich seufzt Herr Samichlaus, zögert etwas und meint dann: “Eigentlich wollte ich mich nie diesem Trend ergeben. Aber heute ist alles ganz anders als vor einigen hundert Jahren. Damals habe ich mit der Hilfe für arme Kinder an einem anderen Ort auf dieser Welt begonnen. Heutzutage braucht man Geld, eine Organisation, Einfluss und eine Bewilligung, um etwas Gutes zu bewirken. Engagement alleine reicht nicht mehr.” Warum er denn so unglücklich wirkt, frage ich ihn. Nach einer kurzen Pause sagt Herr Samichlaus: “Um stets überleben zu können musste ich mich anpassen. Ich bin so, wie ihr seid. Sozusagen ein Teilabbild eurer Gesellschaft.” Wir fahren einige Zeit stillschweigend weiter.

 

Dann beginnt Herr Samichlaus weiter zu erzählen: “Eigentlich mag ich die Menschen. Aber wenn sie Ungerechtigkeit zulassen, werde ich unglücklich. Wie damals, bevor ich mit meiner Arbeit begann. Irgendwie verstehe ich nicht, warum sich hier die Leute vor lauter Schokoladensamichläuse kaum mehr bewegen können. Und dort, wo diese Süssigkeiten herkommen, gibt es nicht einmal genug für alle. Kein Wunder gehen alle Schmutzlis dort hin, wo’s Schokoladensamichläuse zu essen gibt.” Er habe aber ja schon viel erlebt. Auch andere Dinge. Da sei zum Beispiel die katholische Kirche gewesen, die ihn kurzerhand wegen Wunder heilig gesprochen habe. Er verrät mir, dass er vorher noch nie so tollkühne Geschichten über sich selbst gehört hatte. Heute ist es im Übrigen nicht anders. Für das Weihnachtsgeschäft sei er mittlerweile auch heilig gesprochen worden – allerdings nicht von der Kirche.

 

Dann klingelt sein Handy. Während Herr Samichlaus telefoniert, betrachte ich ein Buch, das aus seinem Aktenkoffer neben mir herausragt. Ich kann den Buchtitel lesen: “Ehrliche Weihnachtsgeschenke – Ein schlechtes Geschäft”. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, richtet sich meine Aufmerksamkeit den Nachrichten aus dem Radio: Eine Statistik über Erfrierungsopfer. Wir halten vor einem Bürokomplex. In einer Stunde hat Herr Samichlaus seinen ersten Geschäftstermin von heute. Vielleicht wird er bald die Osterhasen AG übernehmen. Zudem soll es um den Schokoladensamichläuseimport von nächstem Jahr gehen. Irgendwie paradox, denke ich für mich. Da stört sich Herr Samichlaus über die Ungerechtigkeit, importiert aber munter weiter. Da ich nicht stören will, verabschiede ich mich und darf euch von Herrn Samichlaus grüssen.