Gesellschaft | 06.12.2011

Die Stadt der tausend Abschiede

Nichts ist schwieriger, als in Brüssel echte Brüsseler zu treffen. Klingt komisch, ist aber die Wahrheit. Meine Gastfamilie ist deutsch, die Kinder gehen an die europäische Schule und mein soziales Umfeld besteht aus allen Nationalitäten ausser der belgischen.
"Zinneke Pis", die Statue eines urinierenden Hundes, dient den Brüsselern als Namensgeber für die ausländischen Bewohner der Stadt.
Bild: brusselspictures.com

Auch aus sprachlicher Sicht herrscht eher Chaos als frankophone Klarheit. Mit Spaniern und Amerikanern spreche ich Französisch, mit Finnen und Rumänen Englisch, mit Franzosen und Tunesiern Deutsch und mit Belgiern gar nicht. Dieses Phänomen liegt an einer ganz bestimmten Sorte von Einwohnern: Den “Zinneke”, wie sie auf gut Bruxellois heissen.

 

Jeden Tag um 15.15 Uhr stehe ich vor den Toren der europäischen Schule Nummer vier und warte zusammen mit einer Traube von Eltern darauf, dass die Schulglocke klingelt und die Kinder aus dem Haupteingang stürmen. Die Kinder der Europäischen Schule, deren Eltern hauptsächlich für die Europäische Union arbeiten, sind auf verschiedene, ihrer Nationalität entsprechende Sprachsektionen verteilt. In den beiden Monaten, in denen ich fast täglich meine beiden Au-pair-Jungs abgeholt habe, habe ich festgestellt, dass sich Klischees bereits in jungen Jahren und sogar in einem so multikulturellen Umfeld wie Brüssel abzeichnen. Als erstes marschiert normalerweise die französischsprachige Klasse mit einem leicht militärischen Gang an den mit Leuchtwesten bekleideten Schulwächtern vorbei. Als nächstes trippeln die italienischen Kinder leichten Schrittes und die Mädchen allesamt mit rosa Prinzessinnen-Ranzen und glitzrigen Mänteln durch die Schultore. Bald darauf erblicke ich die quirlige Lehrerin der englischsprachigen Sektion, dicht gefolgt von fröhlich singenden Rot- und Blondschöpfen. Zu guter Letzt und von mir schon lange ersehnt kommt dann die deutsche Klasse, ebenfalls hauptsächlich blond und alle mit dem exakt gleichen Dinosaurier-Schulranzen.

 

Multikulti hoch zwei

Diese kosmopolitische und doch nach Nationalitäten sortierte Gesellschaft repräsentiert eine wichtige Seite Brüssels. Es ist die Seite der EU-Beamten, der Nato-Angestellten und Diplomaten. Es ist die Seite, wo jedes Kind mit mindestens drei Sprachen aufwächst und von Urlaub spricht, wenn es in sein Geburtsland fährt. Es ist die Seite Brüssels, welche im Rampenlicht Europas steht und täglich tausende von Journalisten anzieht. Es ist die Stadt der “Zinneke”, wie sie von den Brüsselern genannt werden, was so viel bedeutet wie “Person mit multikulturellem Hintergrund”.

 

Wenn man sich im Stadtzentrum Brüssels bewegt, macht sich diese Tatsache schnell bemerkbar. An dieser Ecke hört man ein paar englische Geschäftsleute quatschen, in jenem Café ein paar spanische Studenten plappern und in der U-Bahn sprechen ein paar Jugendliche gleich zwei Sprachen auf einmal miteinander. Nur Französisch und Niederländisch, die offiziellen Sprachen Belgiens, hört man, wenn man Glück hat, vielleicht gerade mal im Supermarkt, wenn sich die Kassiererin nicht schon längstens der internationalen Kundschaft angepasst hat.

 

Mobilität und Isolation

Doch das internationale Flair, das Brüssel ausstrahlt, macht es nicht nur zu einer farbigen und kulturreichen Stadt. Der Fakt, dass die Brüsseler Bevölkerung zu grossen Teilen aus Ausländern besteht, gibt der Stadt einen Charakter der ständigen Veränderung. Es herrscht ein Kommen und Gehen; wen du heute kennenlernst, der ist morgen schon auf der anderen Seite der Welt. Brüssel ist eine Übergangsstadt, niemand bleibt für immer hier. Wer das Vorhaben hat hier hinzuziehen, weiss auch wann er wieder geht. Die Seite der “Zinneke” ist also nicht nur die der tausend Kulturen, sondern auch der tausend Abschiede.

 

Es ist eine wichtige Seite Brüssels, aber nicht die einzige. Die Brüsseler pflegen sich aus dieser Bevölkerungsgruppe rauszuhalten. Als Diplomat oder EU-Angestellter lebt man in einer isolierten Blase und kommt nur schwer mit Belgiern in Kontakt. Denn diese leben, obwohl in derselben Stadt, in einer anderen Welt. Dass “Zinneke” nicht nur der Ausdruck für Menschen mit multikulturellem Hintergrund, sondern auch der Name einer Statue ist, die einen pissenden Hund (“Zinneken Pis”) darstellt, zeigt wohl auch, was die Brüsseler von dieser Seite ihrer Stadt halten.