Gesellschaft | 20.12.2011

Die Hoffnungsdiebin

Text von Elin Fredriksson | Bilder von Elin Fredriksson
In einer abgelegenen Seitengasse im Brüsseler Zentrum konnte man vor einigen Tagen Folgendes beobachten: Schnellen Schrittes läuft eine junge Frau mit roten Handschuhen an einem Parkschein-Automaten vorbei. Zuerst lässt sie ihn unbeachtet und läuft ohne die geringste Zuckung daran vorbei. Doch einige Meter nach dem Automaten hält sie inne, überlegt einige Sekunden und dreht sich mit einem diskreten Seitenblick der Parking-Maschine zu. Mit demselben diskreten Seitenblick und möglichst unauffällig zieht sie ihre roten Handschuhe aus und tastet das Innere der Geldrückgabe-Öffnung ab. Nichts. Sie steckt ihre leere Hand wieder in die Jackentasche und läuft weiter.
Kommt das Christkind auch nach Brüssel?
Bild: Elin Fredriksson

“Ich glaube nicht, dass das Christkind euch Geschenke bringt, wenn ihr eure Zimmer nicht aufräumt.” Mit einem Augenzwinkern verlasse ich das Kinderzimmer und warte auf den erhofften Effekt bei meinen beiden Au-pair-Jungs. Zuerst folgt eine kurze Stille und darauf unisono: “Ich glaube sowieso nicht mehr an das Christkind!” Scheibenkleister, denke ich mir, das ging in die Hose. “Waaaas”, versuche ich das Spiel weiterzutreiben, “ihr glaubt nicht an das Christkind? Da wird das Christkind aber traurig sein…” Ich traue mich nicht wirklich nachzugeben. Was, wenn sie doch noch an das Christkind glauben und ich ihnen die ganze Magie mit einem Satz entraube? Gleichzeitig scheinen sich die beiden auch nicht ganz sicher zu sein, ob sie nun noch an das Christkind glauben oder nicht.

 

Zweifel herrscht also an beiden Fronten und niemand wagt es, dem anderen Recht zu geben. Es ist ein typisches Spiel zwischen Kindern und Erwachsenen, wie ich es selbst noch aus meiner Kindheit kenne. Dieses Spiel hat mit einem ganz besonderen Gefühl zu tun, das uns vielleicht zur Weihnachtszeit besonders prägend erscheint: Hoffnung. Hoffnung auf ein klein wenig Magie im Alltag. Dass ich vor meinen Au-pair-Jungs nicht gleich mit der Wahrheit bezüglich Christkind rausrücke, obwohl sie felsenfest behaupten, diese schon zu kennen, liegt an der Angst, ihnen diese Hoffnung zu klauen und an meiner Hoffnung, dass sie doch noch daran glauben und vielleicht endlich ihr Zimmer aufräumen.

 

Das Phänomen Hoffnung begegnet mir nicht nur im Zusammenhang mit Weihnachten, sondern stets auch auf dem Schulweg der Kinder. Täglich laufen wir nämlich an zwei Parkschein-Automaten, kurz “Kasten” genannt, vorbei. Der Blick in die Geldrückgabe-Öffnung und die damit verbundene Hoffnung auf dort vergessenes Geld ist oftmals das Highlight des Nachmittags. Die Frage “Wessen Kastentag ist heute?” hat in unserem gemeinsamen Alltag eine extreme Wichtigkeit erhalten und eben dieser “Kastentag” wird natürlich fair ausgelost.

 

Als es dann aber eines Tages, trotz demokratischem Entscheidungsverfahren, einen “Kastenstreit” zwischen den beiden Jungs gab, entschied ich kurzerhand, dass an jenem Tag mein Kastentag sei. Ich zog meine roten Handschuhe aus und tastete die Geldrückgabe-Öffnung selbst ab. Nichts. Die Öffnung war leer. “Du hast meinen Kasten geklaut!”, hiess die Beschuldigung, die ich daraufhin erhielt. Verständnislos schüttelte ich den Kopf und erklärte, dass ja sowieso kein Geld darin gewesen sei und ich somit überhaupt nichts geklaut habe. Doch es war zu spät, ich war eine Diebin. Später, am selben Tag, verstand ich auch warum. Einen viel grösseren Wert als das zu findende Geld hatte die tägliche Hoffnung und Vorfreude auf diesen Kasten. Obwohl wir an jenem Tag alle leer ausgingen, hatte ich den beiden, wenn auch nur im kleinen Rahmen, etwas anderes geklaut: die Hoffnung.

 

Der Kastentag hat einen solch hohen Stellenwert eingenommen, dass er mich mittlerweile auch ausserhalb meiner Au-pair-Tätigkeit begleitet und ich an keinem Parkschein-Automaten vorbeigehen kann, ohne dass meine Hände zucken und aus den roten Handschuhen raus wollen. Einmal mehr habe ich von Kindern etwas gelernt: Hoffnung kann etwas sehr Wertvolles sein. Ob nun in Anbetracht des immer näher rückenden Weihnachtsfestes oder eben im Zusammenhang mit Parkschein-Automaten, vielleicht ist Hoffnung etwas, das uns Erwachsenen manchmal fehlt.