Kultur | 12.12.2011

Blättern im “Entle-Buch”

Zuhause, wo andere wandern gehen. Die Luzerner Regisseurin Alice Schmid hat 50 Bergbauernkinder mit der Kamera begleitet. "Die Kinder vom Napf" ist ein wortkarges, bildgewaltiges Porträt.
Überspitzt dargestellte Idylle.
Bild: © Xenix Filmdistribution

Der Napf trennt das Berner Emmental vom Luzerner Entlebuch. Dort, über tiefe Gräben, bewaldete Steilhänge und langgezogene Terrassen, erstreckt sich die Bergbauerngemeinde Romoos. Weniger als 700 Einwohner zählt sie – Tendenz abnehmend. “Was tun?”, fragt der Primarlehrer. “Man sollte Romoos ein bisschen berühmter machen. Wie Hollywood”, schlägt ein Mädchen vor. Die starke Isolierung ist typisch für abgelegene Bergregionen. Doch Verallgemeinern will der Dokumentarfilm “Die Kinder vom Napf” nicht. Alice Schmid hat während eines Jahres den Alltag von 50 Bergbauernkindern mit ihrer Kamera festgehalten. Wie in einem Fotoalbum blättern wir im “Entle-Buch”.

 

Auf Augenhöhe

Die Erzählpassagen sind natürlich inszeniert. Konsequent befinden wir uns jedoch auf Augenhöhe mit den Kindern. Diese fassten zur Kamerafrau offenbar schnell Vertrauen und berichten von dem, was ihnen am Herzen liegt: vor allem die Tiere, die Natur. Der 90-minütige Film lotet die Beziehung Mensch-Natur sowie das bäuerliche Leben aus – und kann hier punkten. Schmid beweist Humor und Sinn für Details. Schade allerdings, bleibt der Blick ins Schulzimmer, ins häusliche und dörfliche Leben flüchtig und fragmentarisch. Wenig verraten etwa eine Weihnachtsmesse oder Aussagen wie: “Wenn ich das neue Jahr regieren könnt’, würd’ ich es immer schneien lassen oder vielleicht ein Red Bull trinken oder alles Gott überlassen”, über die Haltung der Kinder zu Religion im katholischen Ort.

 

Heile Welt?

Derzeit hat das Emmental als Schauplatz Konjunktur im Kino. In “Silberwald” werden Jugendliche aus Langeweile zu Skinheads (Regie: Christine Repond) und Regisseur Markus Imboden schlägt mit “Der Verdingbub” ein düsteres Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte auf. Ein freundlicheres Bild zeichnet der Dokumentarfilm “Herz im Emmental” von Bernhard Giger und Bänz Friedli.

 

Zurück in der Höhe. Statt Eishockey spielen die Kinder Fussball auf dem Napf, obwohl sie mit jedem Torschuss eine Kletterpartie riskieren. Die schroffe Landschaft fängt Schmid bildgewaltig ein. Idylle ist überspitzt dargestellt, Kühe posieren in der Abendsonne, als hätte “Entlebuch Tourismus” sie höchstpersönlich engagiert. Der Berg fasziniert und bedrückt zugleich in diesem gwundrigen Filmporträt.

 

 

Alice Schmid: Die Kinder vom Napf. Xenix Film 2011. Empfohlen ab 6 Jahren. Läuft in den Schweizer Kinos.

Diese Filmkritik erschien erstmals auf Leporello