Gesellschaft | 20.12.2011

Alpen unter Druck

Der Schnee ist da, die Wintersaison kann richtig beginnen. Für die Natur kann der Tourismus in den Alpen jedoch zur Belastung werden. Die schwindende Biodiversität wird jedoch nicht nur durch das Gastgewerbe unter Druck gesetzt - nachhaltige Lösungen sind gefragt.
Die Alpen bestehen nicht nur aus Hochgebirge.
Bild: Wikimedia Commons/Zermatt Photos

Tourismus oder Natur? Diese Frage stellen sich die Schweizer in den Bergregionen immer öfters. Der Tourismus, zurzeit der am schnellsten wachsende Wirtschaftszweig der Welt, bringt die schaulustigen Auswärtigen in die Region und beschert viele Arbeitsplätze, aber gleichzeitig leidet mit dem Ausbau der Dörfer die Natur darunter. Als Beispiel für dieses Dilemma kann man das Andermatt Resort nehmen, welches sich noch im Bau befindet. Eine Milliarde Franken wird das Projekt kosten und nimmt eine Fläche von etwa 200 Fussballfelder ein. Durch dieses Grossprojekt sollten rund 1’000 neue Betten für wohlhabende Touristen entstehen und Arbeitsstellen für die Bergdorfbewohner geschaffen werden. Doch dabei wird auch das idyllische Bergdorf Andermatt innerhalb von wenigen Jahren zu einem modernen Touristentreffpunkt. Im Alltag von uns allen wird regelmässig das Ökosystem in der Bergwelt belastet. Ein Beispiel sind die Schneekanonen, die künstlichen Schnee auf den Skipisten verteilen. Alleine schon die Zahlen zeigen ein deutliches Bild auf: Vor zehn Jahren wurden lediglich 7% aller Pisten mit Kunstschnee beschneit. Heute stehen wir bei 37%. Der zunehmende Tourismus im Winter und die steigenden Temperaturen fordern immer mehr Kunstschnee. Schlussendlich verliert der Schwächste: Vegetation und Wildtiere müssen leiden und die Speicherseen mit dem Wasser für den Kunstschnee verunstalten die Landschaft.

 

Drei Herausforderungen

Grob betrachtet, finden sich momentan die grössten Probleme für das ökologische Gleichgewicht in der Alpenregion beim Tourismus, dem Transport und der Verstädterung. Mit rund 120 Millionen Besucher pro Jahr wird die Alpenregion Schweiz von vielen Touristen bereist und dementsprechend auch “abgenutzt”. Gleichzeitig sind die Alpen einer der wichtigsten Ökoregionen der Welt. Der in den letzten Jahren zunehmende Massentourismus hat zur Zerstörung von einzigartigen Tier- und Planzenwelten im Alpenraum und zur Zersiedelung beigetragen. Dennoch finden sich immer wieder Tourismusorte, die mit der Natur und Umwelt respektvoll umgehen. Die zukünftige Entwicklung weisst hier ein positives Bild auf. Ein Umdenken hat schon stattgefunden.

 

Eng verknüpft mit dem Tourismus ist natürlich der Verkehr durch die Bergwelt. In den letzten Jahren nahm der motorisierte Verkehr stetig zu und belastete die Umwelt dadurch stark. Das Volk nahm immer wieder Initiativen zur Bekämpfung der Blechlawine durch die Alpenlandschaft an. In der Realität sieht man leider noch zu wenig davon. Der Bund fördert effektiv die Verlagerung auf den Schienenverkehr. Doch von einer optimalen Lösung ist man noch weit entfernt.

 

Die Alpen sind auch Heimat für viele Menschen. Nur 16 % der Gesamtfläche von den Alpen beinhaltet das unbewohnbare Hochgebirge. 43% ist Wald und 22% liegen im Tal und sind Siedlungsflächen. Doch die sind hart umkämpft und werden Stück für Stück verbaut. Bereits zwei Drittel der Menschen in den Alpenregionen wohnen in städtischer Umgebung. Der Ausbau fordert immer mehr freie Fläche und ein stärkeres Eindringen in die Natur. Hier muss besonders auf die zukünftige Raumplanungspolitik acht gegeben werden, so dass der Mensch und die Natur harmonisch nebeneinander leben können.

 

Vielfalt stärken

Doch nur Naturschutz ist nicht des Rätsels Lösung. Es gehört weit mehr dazu, um das wichtige Gleichgewicht zwischen Natur und Zivilisation zu erhalten. Das Zauberwort heisst in dieser Hinsicht: Biodiversität. Dieser Begriff setzt sich aus den folgenden drei Elementen zusammen: Vielfalt innerhalb der Arten (Artenvielfalt), zwischen den Arten (genetische Vielfalt) und die Vielfalt der Ökosysteme. Die Schweiz hatte am Erdgipfel 1992 in Rio ein Abkommen abgeschlossen, welches die Nationen dazu verpflichtet eine nationale Strategie zur Stärkung der Biodiversität zu erarbeiten. Nach rund 19 Jahren hat nun der Bund einen Entwurf zur Strategie der Biodiversität in die Vernehmlassung geschickt. Dieses beinhaltet zehn Punkte, die bis 2020 erreicht werden sollen. Im Dokument erachtet der Bund die Biodiversität als extrem wichtig, obwohl sie weltweit rapide abnimmt. Durch die intensivere Nutzung des Raum und Bodens werden nicht nur naturnahe Landschaften zerstört sondern auch das empfindliche Ökosystem aus dem Gleichgewicht gebracht.

 

Wir sind abhängig von den Bergen und sind es uns nicht mal richtig bewusst. Berge beherbergen weltweit rund die Hälfte aller “Hot Spots” der Biodiversität und bedecken 27% der Landoberflächen. Sie geben besonders der genetischen Vielfalt einen grossen Lebensraum und liefern für viele Menschen frisches Wasser aus ihren Bergquellen, auch hier in der Schweiz. Trotz ihrer grosser Bedeutung mussten in den vergangenen 40 Jahren immer mehr Berge und deren umliegenden Landschaften geschützt werden. Ob diese Entwicklung gestoppt wird oder nicht, liegt alleine in der Hand der Menschen.