Gesellschaft | 18.11.2011

Zukunftslawine

Text von Chiara Herold | Bilder von Katharina Good
2. Platz Kategorie I
"Nein, Kohlebergwerk!", ruft der Grosse aus, "Was redest du denn da?! Wir Berge stehen für die Ewigkeit und für Stärke."
Bild: Katharina Good

“Ich verbinde”

 

“Pha! Herr Gotthard, ich muss doch schon sehr bitten. Nichts tun Sie. Ich hingegen bin ein grosses Werk”

 

Der Grosse überlegt, richtet seine Spitzen auf und sagt geschwollen: “Aber Ich, ich habe Geschichte geschrieben.”

Der Andere lässt drei Lawinen auf einmal los und grollt: “Sie haben überhaupt nichts dazu beigetragen”

“Herr Kohlebergwerk Kämpfnach, was erlauben-”

“Bitte. Ich werde nicht gerne unterbrochen. Nun ja, wie ich schon sagte, Die Menschen nutzen Sie nur aus. Sie werden nicht gebraucht. Wenn Sie nicht wären, Herr Gotthard, hätten die Menschen sich nicht die Mühe machen müssen, ein Loch in Sie zu graben. Sie stehen ihnen im Weg. Herr Gotthard, Sie sind überflüssig, sie sind störend.”

Ein heftiges Beben erschüttert den Grossen. Der Andere traf ihn mitten ins Herz mit seinen Wahrheiten, dorthin wo die Menschen ein Loch gebohrt haben. Es fühlt sich an, als würde er in sich zusammenbrechen, nur um dieses Loch zu füllen.

Rücksichtslos plappert der Andere weiter: “Ich hingegen, bin eine Schatzgrube, ein Geheimnis und ein unheimlicher Gewinn für die GANZE Menschheit. Ich berge die wundervollste Kohle und werde dringend gebraucht, nun da den Menschen das Erdöl ausgeht. Jeder Zentimeter meiner Existenz ist gefragt, ich bin wertvoll.”

Es scheint, als sei die Distanz zwischen Herrn Gotthard und Herrn Kohlebergwerk Kämpfnach noch grösser, als sie ohnehin schon ist.

Im Jahre 3075 stehen die beiden Berge immer noch am selben Ort, grau vor Verwitterung. Völlig erschöpft sagt der Andere zum Grossen, dass es wahrscheinlich bald an der Zeit sei, zu sterben. “Nein, Kohlebergwerk!”, ruft der Grosse aus, “Was redest du denn da?! Wir Berge stehen für die Ewigkeit und für Stärke.” “Ich habe nichts mehr, was mich hier hält. Die Menschen sind ausgestorben, sie haben nicht früh genug gehandelt. Sie haben alles aufgebraucht, anstatt nach Alternativen zu suchen. Alles haben die aus mir rausgekratzt, ich bin voller Spalten und Ritzen.”

“Aber wir müssen doch zusammenhalten in diesen Zeiten! Ich weiss schon, wir waren nicht immer die besten Freunde-”

“Nein, Gotthard, durchaus nicht.”

“Jaja, aber das ist jetzt unwichtig. Sieh dir doch mal das Land an. Es erwacht wieder! Heute Morgen hörte ich eine Amsel singen. Eine Amsel! Dafür lohnt es sich, zu bleiben.”

“Habe ich jemals um ewiges Leben gebeten? Die Menschen können sich glücklich schätzen, waren sie so unvorsichtig und dumm. Ihr Leben fand ein für alle Mal ein Ende. Doch wir… wir müssen für immer hier ausharren. Wir wurden durchbohrt, bestiegen, bepflanzt und wir wurden bebaut, ja sogar gesprengt hat man uns. Auch bestaunt und geliebt… Aber jetzt, jetzt werden wir allein gelassen. Damals hatten wir immerhin irgendeine Bedeutung für irgendwen.”

“Du bedeutest mir sehr viel. Du hast mich früher verletzt, mit deinen Worten. Doch du hast mir Stärke gegeben. Ich konnte mich selber gut finden, ohne vorher einen Nutzen für die Menschheit in mir erkennen zu müssen. Du musst lernen, dich selbst zu lieben, ohne darauf zu zählen, was andere von dir denken. Wenn du an dich glaubst, nur du allein, kannst du Berge versetzten.”

Und so versetzte sich Herr Kohlebergwerk Kämpfnach näher zu seinem Freund Herrn Gotthard. Allein mit dem Glauben an sich selbst.