Gesellschaft | 29.11.2011

Wie wäre es, selbst positiv zu sein?

Text von Andreas Rüegg | Bilder von Andreas Rüegg
In der Schweiz leben derzeit rund 25'000 Personen mit HIV/Aids. Neue Behandlungsmöglichkeiten geben den Betroffenen die Chance, mit einer chronischen Krankheit ein mehr oder weniger normales Leben zu führen - vorausgesetzt, unsere Gesellschaft unterstützt sie dabei.
Prominente stellen der Gesellschaft die Gretchenfrage: Würdest du mich respektieren, wenn ich HIV-positiv wäre?
Bild: Andreas Rüegg

Was bedeutet es, ein Leben mit dem HI-Virus führen zu müssen? Niemand sucht sich diese Krankheit aus und, ob einer Risikogruppe zugehörig oder nicht, treffen kann es jeden. Wenn sich eine HIV-positive Person jemandem anvertraut, ist die prompte Frage oft immer noch: “Und wo hast du dich angesteckt?” Je nach Antwort wird dann ein Urteil über die Person gefällt. Denn HIV und Aids berühren die Themen, die in unserer Gesellschaft Tabu sind: Sex unter Männern, Drogensucht, Prostitution. Versuche mal die Perspektive einer HIV infizierten Person einzunehmen. Vieles würde wohl nicht mehr sein wie jetzt.

 

Wenn ich HIV-positiv wäre

Sieht mir rein äusserlich die Krankheit niemand an. Ich kann mir also gut überlegen, wem ich mich anvertraue. Aus Angst vor unschönen Reaktionen es gar niemandem zu sagen, ist langfristig aber keine Lösung. Das Leben geht nicht einfach weiter. Dass du HIV-positiv bist und wie nun deine Zukunft aussieht, wird dich in all deinen Gedanken schwer beschäftigen. Auch möchtest du nach einem Arztbesuch mit jemandem über gute wie schlechte Veränderungen deines Virus reden können. Die Tabletten, die du täglich zu dir nimmst, haben eine lange Liste von Nebenwirkungen. Ein hoher Preis dafür, dass sich der Ausbruch der Krankheit Aids so lange wie möglich hinauszögert. Im Geschäft möchtest du zudem nicht die ganze Zeit mit Ausreden kommen, die für Absenzen während den Spitalbesuchen herhalten müssen. Nebst deiner geistigen Abwesenheit am Arbeitsplatz könnte dies bald der Grund für eine Kündigung sein. HIV-positive Menschen können grundsätzlich aber die gleiche Leistung erbringen wie alle anderen auch, trotzdem werden sie bei Bewerbungen oft benachteiligt.

 

Ekel vor dem eigenen Blut

Viele von HIV Betroffene fühlen sich in ihrer eigenen Haut schmutzig. Es kann durchaus sein, dass dich vor deinem eigenen Blut ekelt, wenn du dir beim Kochen in den Finger schneidest. Dieser Ekel hängt womöglich mit der gesellschaftlichen Übertragungsangst vor Aids zusammen. Viele wissen nicht, wie man sich anstecken kann und würden sich davor fürchten, mit dir aus derselben Flasche zu trinken. Die Krankheit stellt dich also nebst den körperlichen vor psychische Herausforderungen, da bist du auf soziale Unterstützung angewiesen und musst dich anderen anvertrauen können.

 

Wenn du einem dir nahe stehenden Menschen, oder warum auch nicht einem Chef, erzählen willst, du seist HIV-positiv, dann plagt dich dabei die Angst zurückgewiesen zu werden. Selbst wenn du dich deinem Partner oder deiner Familie anvertraust, ist die Konsequenz schwierig voraussehbar. Wenn dich dein Freund, deine Freundin ablehnt, ist er oder sie mal sicher nicht der oder die Richtige für dich. Nebst der tiefen persönlichen Kränkung scheint aber auch die Luftblase mit dem zukünftigen Einfamilienhaus und den Kindern in dem Moment zu platzen, wo der Mensch, den du magst, damit nicht klarkommt. Vielleicht denkst du dir dann: Und alles nur, weil die Menschen da draussen so schlecht Bescheid wissen, ich finde das diskriminierend. Und die Diskriminierung spüren du und andere HIV-Positive, egal ob nun bei einer antiretroviraler Therapie die Wahrscheinlichkeit einer Mutter-Kind-Übertragung nur noch bei 1-2 % liegt und selbst der ungeschützte Geschlechtsverkehr mit einem festen Partner besprochen werden kann, wenn die Virenlast auf ein fast nicht mehr nachweisbares Niveau gesenkt werden konnte. Sicherlich beschäftigt dich der Tod immer noch mehr als andere Personen, doch ein Ende ist jedem sicher.

 

Keine Bananen

Als HIV-positiver Mensch stehen dir auch sonst genau die gleichen Rechte und Pflichten zu und Du verdienst es, normal behandelt und nicht diskriminiert zu werden. Die aktuelle Kampagne zum Welt-Aids-Tag zeigt keine Banane, über die ein Kondom gestreift wird, sondern vier Persönlichkeiten aus unserer Gesellschaft, die sich mit HIV-positiven und aidskranken Menschen solidarisieren. Sie fragen uns von Plakaten her: “Würden Sie mich noch respektieren, wenn ich HIV- positiv wäre?” Findest Du nicht auch, es steckt mehr hinter der Frage, als man zuerst denkt? Würde man dich denn noch respektieren, wenn Du HIV-positiv wärst? Wie steht es um deinen Respekt gegenüber jemandem, der HIV-positiv ist?

 

Info


Die Ansteckungszahlen von HIV/ Aids, über den Globus gesehen, zeigen auch die Kehrseite eines nach wie vor ausweglosen Lebens mit HIV in Drittweltländern. In Afrika fehlen nicht nur die Medikamente, sondern auch die Ärzte für die anspruchsvolle Behandlung – selbst Kühlschränke um die Medikamente aufzubewahren sind nicht vorhanden. Weltweit gesehen ist HIV/Aids so die häufigste Todesursache unter den 15- bis 59-Jährigen. Bisher sind mehr als 30 Millionen Menschen daran gestorben, und jedes Jahr kommen annähernd weitere zwei Millionen dazu.

 

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