Gesellschaft | 29.11.2011

Vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie

Text von Elin Fredriksson | Bilder von Elin Fredriksson
Sprachlos sitze ich am Esstisch. Links und rechts von mir sitzen meine beiden Au-pair-Jungs, acht und zehn Jahre alt, und essen zufrieden ihre Nudeln mit Tomatensauce. Das ist meine Generation, denke ich mir, die beiden sind gerade mal ein Jahrzehnt jünger als ich - und trotzdem: Wenn sie sich unterhalten, verstehe ich nur Bahnhof.
Als Au-pair sieht man die Hausordnung plötzlich von der anderen Seite.
Bild: Elin Fredriksson

Wie gut kann ich mich noch daran erinnern, wie ich als Kind den Gesprächen meiner Eltern horchte und mich selbst fragte, ob Erwachsene überhaupt dieselbe Sprache sprechen wie Kinder. Ihr Geplapper über Politik, Gesellschaft und weiss der Kuckuck was prallte an mir ab wie Regen an einer Fensterscheibe. Zu viele Fremdwörter, zu lange Wörter und überhaupt zu viele Wörter in einem Satz. Jetzt, wo ich sozusagen selbst die Rolle dieser Erwachsenen eingenommen habe, finde ich mich in einer ähnlichen Situation wieder: “Was machen nochmals die Droiden? Sind die Jedis jetzt die Guten oder die Bösen? Wozu braucht man denn bitteschön eine Cyber-Track-Brille? Boba Fett? Kann man das essen?” So oft ich diese Fragen auch stelle, ich kann mir die diversen Star Wars-Figuren nicht merken. Wenn wir dann am Esstisch sitzen und sich das Gespräch wieder so langsam in Richtung Sternenkrieg bewegt, dann klinke ich mich gleich von Anfang an aus, mitreden kann ich so oder so nicht. Aber vielleicht sollte ich das auch nicht erwarten?

 

Erwachsene verboten!

Wenn ich die Kinder beobachte, tue ich dies oft mit ein klein wenig Nostalgie. Es ist doch noch gar nicht so lange her, da sass ich selbst mit wackelnden Zähnen am Esstisch und erzählte aufgeregt von meinem Schultag. Doch langsam aber sicher beginne ich mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich tatsächlich kein Kind mehr bin und der Entscheid zum Au-pair-Aufenthalt ein konkreter Schritt in Richtung Erwachsenenwelt war. Als die Kinder das erste Mal die Köpfe zusammensteckten um über die neusten Klassengerüchte zu tuscheln – Wer ist in wen verliebt? Wer hat über wen gelästert? Ob die Klassenlehrerin wohl verheiratet ist? – und mich darauf hinwiesen, dass sie gerade über etwas Geheimes sprechen, das ich nicht hören dürfe, ertappte ich mich selbst dabei, wie ich mich etwas ausgeschlossen fühlte. Ich hielt einen Moment inne und realisierte: Ich habe überhaupt keinen Grund mich ausgeschlossen zu fühlen. Eine Szene meiner Kindheit spielte sich vor meinen Augen ab und ich sah, wie ich selbst mit meinen Freundinnen tuschelnd den Erwachsenen auswich. Doch jetzt sah ich mich selbst zum ersten Mal in meinem Leben auf der Seite der Erwachsenen stehen, die eben nichts vom Kindergetuschel mitkriegen dürfen. Situationen dieser Art häufen sich immer mehr an und ich beginne Dinge aus einer Sicht zu betrachten, die mir bis anhin völlig fremd war. Meine Au-pair-Tätigkeit erlaubt mir sozusagen den Blick hinter die Kulissen. Ich weiss, dass es meine Mutter nervte, wenn ich nicht rechtzeitig zu Tisch kam oder wenn meine Kleider überall herumlagen. Wirklich gestört hat mich das nie und hinterfragt habe ich es auch nicht. Das war einfach so. Doch plötzlich stehe ich selbst vor einem gedeckten Tisch und rufe die Kinder, plötzlich hebe ich selbst die herumliegenden Kleider vom Boden und denke: Liebe Mama, jetzt verstehe ich dich.

 

Alter oder Interesse?

Die Feststellung dieser Woche also: In zehn Jahren kann viel passieren. Ein Kind kann erwachsen werden und eine neue Generation kann heranwachsen. Doch mein Unwissen bezüglich Star Wars liegt wohl trotz allem weniger an der Zeit, die vergeht, als vielmehr an meinem Desinteresse. Die Geschichte über den Krieg der Sterne, der sich “vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie” abspielte, gibt es schliesslich schon seit über dreissig Jahren.