Gesellschaft | 18.11.2011

Von gruseligen Berghütten und mutigen Mädchen

4. Platz Kategorie I
Natürlich wusste sie, dass dies alles nur erfunden war, was ihr Bruder ihr erzählt hatte. Trotzdem, tief in ihrem Inneren, fürchtete sie sich vor der Frau, welche hier anscheinend gestorben war.
Bild: Wikimedia Commons/Angela Monika Arnold

“Manchmal”, flüsterte er mit bedrohlichem Unterton. “Hörst du sie auch noch weinen. Sie wurde nicht nur alleine auf dem Berg in dieser Hütte zurückgelassen, ihr Gatte brach ihr auch noch das Herz.” Kurz holte er tief Luft, während er seinen Kopf nach links drehte. Ein dunkler Schatten fiel über sein markantes Gesicht und das Mädchen, welches ihm gegenüber sass, zog schnell ihre Decke etwas mehr nach oben, bis nur noch ihre stahlblauen Augen zu sehen waren.

“Aber das ist eine andere Geschichte”, fügte er schnell hinzu, griff nach seiner Jacke, welche er fein säuberlich zusammengefaltet neben das Bett gelegt hatte und erhob sich. Währenddessen war im Türrahmen die Gestalt einer Frau erschienen, deren Blick sorgenvoll auf dem kleinen Mädchen lag, welches sich sogleich bibbernd unter der Wolldecke verkroch.

“Was erzählst du dem Kind auch für Schauergeschichten”, tadelte sie den Jungen, welcher sich nun schulterzuckend an der Mutter vorbei durch die Tür zwängte. Kopfschüttelnd blickte die Frau ihrem Sohn nach und schloss die Tür hinter sich, während die Kleine alleine zurückblieb. Natürlich wusste sie, dass dies alles nur erfunden war, was ihr Bruder ihr erzählt hatte. Trotzdem, tief in ihrem Inneren, fürchtete sie sich vor der Frau, welche hier anscheinend gestorben war. Ängstlich zog sie die Wolldecke enger um ihren zarten Körper und schloss die Augen. Sanft glitt sie in einen ruhigen, traumlosen Schlaf.

Das leise Wimmern, das sie nun, mitten in der Nacht um den Schlaf gebracht hatte, jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Zitternd erinnerte sie sich an die Schauergeschichte ihres Bruder und sogleich zog sie sich die Wolldecke über den Kopf, in der Hoffnung das Wimmern würde dann verschwinden. Jedoch wurde sie enttäuscht, denn weiterhin hallte das leise Jammern durch die Zimmer der kleinen Berghütte.

Irgendwann erwachte die Neugier in ihr. War es wirklich der Geist der Frau, denn sie hier hörte? Oder betrug sie nur ihre kindliche Fantasie? Langsam kratzte sie all ihren Mut zusammen und sprang aus dem Bett. Ihre kalten Füsse trafen auf den holzigen Fussboden, welcher sofort leise knarrte. Vorsichtig trat sie zu der Tür und umgriff die goldene Klinke mit beiden Händen. Sollte sie wirklich…? Doch dann zog sie die Klinke bereits nach unten und die Tür schwang quietschend auf.

Vor sich erblickte sie niemand anderen, als den kleinen Hund der Frau, welche die Wanderung anführte. Sofort bückte sich das Mädchen und streichelte dem verängstigten, Hund über den Kopf. “Nein, nur keine Angst. Komm, du kannst bei mir schlafen”, flüsterte sie leise und als hätte der Hund sie verstanden, sprang er auf ihr Bett und legte sich hin. Schnell krabbelte das Mädchen ihm hinterher und liess sich neben ihm nieder. Angekuschelt an den Hund, schliefen beide friedlich ein.