18.11.2011

Vergehen und Bestehen

Text von Tamara Westphal | Bilder von Katharina Good
1. Platz Kategorie I
So ein Blödsinn, dachte ich. Wie konnte aus einem einfachen Schuh das Abbild einer Mutter mit ihrem Kinde werden?
Bild: Katharina Good

Nach Bildern in den Bergen suchen. Wir liebten dieses Spiel. Wir, mein bester Freund und ich. Oft lagen wir den ganzen Nachmittag gemeinsam auf der grossen Wiese am Hang und suchten nach neuen Motiven. Einmal war es ein Vogel, am anderen Tag eine Blume und manchmal sogar etwas Grösseres und Komplexeres. Er erriet immer die unmöglichsten Dinge und seine Fantasie schien grenzenlos. Seine Lieblingsfigur war die Madonna mit dem Kinde, wie er sie nannte. Ich verstand nie, wo er in diesem Geröll eine Madonna mit einem Kind sah. Doch immer zeigte er auf diese eine Stelle und sagte mir, wie simpel es doch sei. Dort sei der Kopf der Mutter, leicht nach unten geneigt und den Blick auf das Kind gerichtet, da die Arme, mit denen sie liebevoll den Sprössling umschloss und vor der Aussenwelt beschützte. Darauf erwiderte ich stets, ich sähe bloss einen riesigen alten, etwas unförmigen Schuh. Und dann lachte er. Natürlich hätte ich recht, aber mit nur etwas mehr Fantasie würde viel mehr daraus. So ein Blödsinn, dachte ich.

Wie konnte aus einem einfachen Schuh das Abbild einer Mutter mit ihrem Kinde werden?

Er hatte seine Mutter verloren, als er ein kleiner Junge war und so konnte ich mir gut vorstellen, dass die ganze Geschichte erfunden war. Meistens verdrehte ich dann auch die Augen, wenn er wieder einmal davon sprach, wie er sofort die Anwesenheit seiner Mutter spüre, wenn er in die Berge sehe. Wie sie ihn beschütze und liebe.

Oft langweilte mich dieses Geschwätz, doch wenn ich dann wieder zu den Felsen blickte und meinen Schuh sah, wünschte ich mir das ein oder andere Mal doch, denselben Blick wie er zu haben. Einfach um seine Worte verstehen und nachvollziehen zu können.

Doch vorerst blieb der Schuh für mich ein Schuh.

Die Tage gehen, die Tage kommen. Die Zeit vergeht unaufhaltsam. Der Junge, mit dem ich damals im Gras im Angesicht der Berge gelegen bin, lebt heute nicht mehr. Es war ihm nicht einmal vergönnt, erwachsen zu werden.

Als ich damals am Tage der Beerdigung den Kopf hob und in die Berge blickte, war mein Schuh mit einem Mal kein Schuh mehr, sondern eine Mutter, die voller Liebe auf das Kind in ihrem Arm blickte. Salzige Tränen flossen mir übers Gesicht und ich schmeckte ihren Geschmack heute noch auf den Lippen. Ich weinte mit der Gewissheit, dass das einsame und verlorene Kind zu seiner Mutter zurückgekehrt war. Ich sah beide und wollte den Blick nicht mehr abwenden, da ich fürchtete sie könnten wieder für immer meiner Sicht entschwinden.

Doch das Abbild blieb und da wusste ich, Zeit verging, aber die Berge würden für immer bestehen bleiben.