Gesellschaft | 14.11.2011

Sechs Monate, zwei Kinder, eine Stadt

Text von Elin Fredriksson | Bilder von Elin Fredriksson
Elin Fredriksson lebt für ein halbes Jahr in Brüssel. Als Au-Pair erlebt sie die Stadt auf eine andere Weise als Diplomaten und Touristen. Die erste Frage, die sie zu beantworten hat: Warum macht man sowas überhaupt?
Sechs Monate bei Magritte und Tintin: Was kann man als Au-pair in Belgien lernen?
Bild: Elin Fredriksson

“Ich habe mich ja schon immer gefragt, was der Reiz am Au-pair-Dasein eigentlich ist. Da lernt man doch gar nichts”, sagt ein Vater, der, ebenso wie ich, am Fussballplatz steht und der U10 beim Training zuguckt. Perplex über diese Bemerkung und doch dankbar für den Denkanstoss beantworte ich diese indirekte Frage folgendermassen: Vor einigen Monaten habe ich mich dafür entschieden, während eines halben Jahres in Brüssel als Au-pair zu arbeiten. Ich stand kurz vor der Matur und wie so viele wollte ich einfach mal weg. Ich wollte das Leben einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten und mich neuen Herausforderungen stellen. Ich wollte meinen Horizont erweitern und meiner Weltanschauung einen kleinen Schubs geben. Wie sieht ein Alltag mit jüngeren Kindern aus? Wie lebt es sich als Kinderfamilie in einer Grossstadt? Mit welchen Problemen haben andere Familien zu kämpfen? Wie bringe ich Kinderbetreuung und Haushalt unter einen Hut? Wie beantworte ich Kinderfragen? Wie sehen Tagesabläufe anderer Menschen aus? Ich beschloss also, in das Leben einer anderen Familie einzutauchen und Aufgaben zu übernehmen, die ich zuvor nur in ferner Zukunft auf mich zukommen gesehen hatte. Ausserdem wollte ich nach Brüssel: in die Geburtsstadt von Tim und Struppi, in das Bier-, Pommes- und – sorry, liebe Schweizer! – Schokoladenmekka, in das Flohmarktparadies, in das Herz Europas!

 

Star Wars und Brotdosen

Und jetzt, ungefähr ein halbes Jahr nach dieser Entscheidung, sitze ich an meinem Laptop in meinem Au-pair-Zimmer und versuche den ersten Monat meines Aufenthaltes Revue passieren zu lassen. Selbstverständlich hat sich mein Alltag wesentlich verändert. Nie hätte ich gedacht, dass Star Wars, Harry Potter, Fussball und Kappla eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen würden. Auch Kochen, Waschen und Brotdosen-Herrichten waren vorher nur begrenzt Teil meines Lebensinhalts. Ausserdem muss ich mein Unter- und Mittelstufengehirn wieder aktivieren: Nur ungern gebe ich zu, dass Drittklass-Hausaufgaben eine grössere Herausforderung sind als erwartet und dass die vier Grundoperationen doch nicht mehr ganz so präsent sind.

Was man jetzt als Au-pair also lernt? Wirklich beantworten kann ich diese Frage vermutlich erst in einem halben Jahr. Aber mit grösster Wahrscheinlichkeit lernt man viele Dinge umzusetzen, die man früher nur beobachtet hat. Nicht zuletzt ist dieser Aufenthalt ein Sprung ins Erwachsenenleben. Der Vater am Fussballplatz nickt und murmelt etwas Unverständliches. Ich glaube, ein Au-pair-Aufenthalt hätte ihm nicht geschadet.