Gesellschaft | 27.11.2011

Schüler sind mehr als nur Noten

Text von Elias Rüegsegger | Bilder von Elias Rüegsegger
Sie sind Lehrpersonen, unterrichten Kinder und Jugendliche an verschiedenen Stufen und denken über das Beurteilungssystem nach. Im Gespräch mit Tink.ch am 16. November wird klar: diesen Lehrerinnen und Lehrern wäre es lieber, wenn die Schüler mehr Wert wären als deren Noten.
Kriegt der Goldfisch eine 3, weil er nicht auf den Baum klettern kann? Quelle der Karikatur: http://bidok.uibk.ac.at/ Für einmal setzen sie keine Noten,sondern sprechen darüber: Peter Herren, Anita Chiesa, Hans Huggler und Blanca Thurian.
Bild: Elias Rüegsegger

Der Elefant, die Robbe, der Hund, der Affe, der Papagei, der Storch und der Goldfisch haben sich auf einer Wiese versammelt. Hinter ihnen steht ein Baum, vor ihnen sitzt eine Lehrperson an einem Tisch. Heute haben die Tiere eine Prüfung, der Lehrer spricht zu ihnen: Zum Ziele einer gerechten Auslese lautet die Aufgabe für alle gleich: “Klettern Sie auf den Baum!”

 

Gesellschaft will Selektion

Diese Karikatur erzählt eine Geschichte, welche für vier Lehrpersonen zum Gedankenanstoss wird. Für Tink.ch setzen sie sich nach Schulschluss in einem Zimmer des Gymnasiums Seefeld in Thun zusammen, um über das Thema “Beurteilung” zu sprechen. Peter Herren, ehemaliger Rektor am Gymnasium Thun Seefeld, sagt zur Karikatur: “Die Aufgabe geht von der nicht unproblematischen Voraussetzung aus, dass die wichtigste Eigenschaft jedes Tieres sei, auf einen Baum klettern zu können.” Die Gesellschaft wolle die jungen Menschen selektionieren und dazu würden sie alle an der gleichen Aufgabe gemessen.

 

Blanca Thurian ist Heilpädagogin und arbeitet im Bereich der integrativen Förderung an allen Stufen. Sie hilft Schülerinnen und Schülern, die am Baum in der Karikatur nicht emporklettern können. “Das Beurteilungssystem passt nicht zum Gedanken der Integration”, findet die Pädagogin. Eltern verlangten laut Thurian, dass ihr Kind mit Noten gemessen werde. Peter Herren, der im Ruhestand als Steinbildhauer arbeitet und bis zu seiner Pensionierung Köpfe bildete, meint: “Kinder werden von klein auf systematisch darauf dressiert, im Notensystem zu denken. Leider mit Erfolg.” Anita Chiesa, eine junge Lehrperson an der Volksschule, denkt: “Feedbacks sind mir wichtiger als Noten, die wenig aussagen. Aber gerade beim Übertritt von Schülerinnen und Schülern in die Oberstufe zählt hauptsächlich die Note.”

 

Kompetenz- statt notenorientiert

Lehrpersonen, welche für Noten verantwortlich sind, nehmen Einfluss auf die Schülerschaft und beurteilen ihre Arbeit mit Zahlen. Hans Huggler arbeitet an der Berufsschule als Lehrer in “Allgemeinbildung” mit Schülerinnen und Schülern, die eine Berufslehre machen. Für ihn ist klar: “Die Schüler bekommen ein Zeugnis und dafür müssen sie Leistungen bringen. Das gilt für alle, obwohl die Voraussetzungen, welche die Schüler mitbringen, nicht dieselben sind.” Gerade deshalb freut sich Anita Chiesa auf den “Lehrplan 21”, der voraussichtlich Schuljahr 2015 in Kraft treten wird: “Das kompetenzorientierte Lernen, also die Beurteilung nach dem, was der Schüler kann, und nicht nach dem, was er nicht kann, wird stärker gewichtet werden.” Sie sagt weiter: “Beurteilen muss für mich aber absolut nicht in Form von Noten geschehen. Die Noten könnten wir auch abschaffen.” Zudem “können Noten die Kinder blockieren”, meint Blanca Thurian, denn man beurteile die stärkeren und schwächeren Kinder gleich. Hans Huggler fände eine Beurteilung ohne Noten grundsätzlich gut, merkt aber an: “Ich habe 120 Lernende. Wenn ich regelmässig in einigen Sätzen individuelle Rückmeldungen geben würde, ginge ich kaputt.”

 

Noten nehmen Lehrern Verantwortung ab

Das Gespräch neigt sich dem Ende zu. Die Diskussionspartner ziehen Bilanz. Peter Herren glaubt, dass heute die Verantwortung für die Beurteilung von Schülerleistungen durch Noten nicht  gestärkt, sondern vergröbert und teilweise aufgelöst werde: “Die Noten legitimieren ein Urteil der Lehrpersonen, ohne es transparent zu machen.” Blanca Thurian schlägt vor, dass man den Baum auf der Karikatur besser fällen sollte: “Das ermöglicht jenen, die können, einen Handstand darauf zu machen, andere können einfach darauf sitzen und sich auch mal ausruhen, so hätten aber alle ein Gefühl von Gesellschaft und Gemeinsamkeit, sie würden nicht selektioniert.” Anita Chiesa denkt an die Auswahl der Kinder: “Selektion geht an den Kindern nicht spurlos vorbei.”

 

Die Lehrpersonen am Tisch finden einen Konsens, obwohl – oder gerade weil – sie an verschiedenen Stufen unterrichten. Ob sich ihre Gedanken über das Beurteilungssystem auch in ihrem täglichen Unterricht niederschlagen?