Gesellschaft | 18.11.2011

Schlechte Aussichten

Text von Carole Räber
1. Platz Kategorie II
Die frische Luft, das Bergpanorama scheinen, wie vieles mehr, einer schöneren Welt anzugehören. In der Hoffnung, nie mehr in den Berg hinein zu müssen, steigen die Arbeiter Tag für Tag wieder hinab. Fotos: Carole Räber

Unsere Berge: majestätische Gipfel, Täler mit hübsch angeordneten Dörfern. Ein atemberaubender Ausblick. Dass Berge nicht immer mit guten Aussichten verbunden sind, bewies ein Besuch in Boliviens Silbermine von Potosi.

 

Die Kuh, die mit ihrem Glockengebimmel friedliche Stimmung verbreitet. Die Schweizer Fahne, die Wanderer auf dem Gipfel willkommen heisst. Die frische Luft, der Duft nach Gras, das Alpenpanorama. All das, in Wahrheit nur meilenweit entfernt, scheint hier unten einer anderen, schöneren Welt anzugehören. 50 Meter im Berg “Cerro Rico” (Reicher Berg) ist nur zu erkennen, was in den Lichtstrahl der Stirnlampe fällt. Das Atmen fällt schwer. Das liegt nicht nur an der staubigen Luft, sondern vor allem an der Höhe. Die Silbermine von Potosi liegt 4’000 Meter über dem Meeresspiegel. Mit 170’000 Einwohnern, ist die bolivianische Stadt die höchste Grossstadt der Welt. Im 17. Jahrhundert verhalf die Silbermine Potosi zu Wohlstand und Ansehen. Drei Jahrhunderte später, ist sie noch immer Arbeitsplatz von 7’000 Minenarbeitern.

 

Ein dumpfes Donnern ist zu hören. Kurz darauf vibriert der Boden unter den Füssen. Dann ein zweites Grollen. “Uno, dos…”, zählt Martin flüsternd mit. “Tres, cuatro…”, den Arm auf die Knie gestützt, streckt er bei jeder Erschütterung einen Finger mehr in die Luft. “Man muss genau mitzählen, um sicher zu sein, dass alle Dynamitstangen explodiert sind”, erklärt er seiner Gruppe von Touristen, die die Mine besucht. Der Reiche Berg ist durchkreuzt von Gängen, in denen Männer auf der Suche nach dem wertvollen Edelmetall sind. Nach dem sechsten Donnern gibt er das Zeichen, ihm zu folgen und weiter in den Berg vorzudringen. Inzwischen gleicht der Weg eher einem Spalt und ein Fortbewegen ist nur noch robbend möglich. Der Gang endet an einer Holzleiter, deren Grund im Schein der Stirnlampe nicht zu erkennen ist.

 

Unten ist der Weg breiter und höher. Höher ist auch die Temperatur, die inzwischen auf etwa 40°C angestiegen ist. Von der Decke tropft es in den Nacken. Der Staub in der Luft bleibt an der feuchten Haut kleben. An den Felswänden sind vereinzelt kleine, farbige Fähnchen zu erkennen. Orientierungsmerkmale? “Nein, Osterdekoration”, erklärt Martin. Plötzlich ist erneut ein Grollen zu hören. Dieses Mal, scheint es mit hoher Geschwindigkeit näher zu kommen. “Rennen!”, befiehlt Martin. Das fällt schwer, denn der Sauerstoff zum Atmen fehlt. Grund für die Aufregung sind drei Männer, die ziehend und stossend vier Wagen voller Berginneres über die Schienen befördern. Mit dem gewonnenen Tempo, erfordert ein Bremsen nicht nur viel Kraft, sondern auch Zeit. Die Männer tragen weder Helme noch Atem- oder Ohrschutz. Sogar von den T-Shirts, haben sie sich der Hitze wegen entledigt. An ihren Backen ist deutlich eine Ausbeulung zu erkennen. Coca-Blätter. Sie kauen das getrocknete Coca und bewahren die zermahlene Masse in einer Backe auf. Dort gelagert, unterdrückt es Hunger, Müdigkeit und Kälte und erleichtert gleichzeitig die Sauerstoffaufnahme.

 

Martin begrüsst die drei Männer kameradschaftlich. Vor wenigen Jahren war er einervon ihnen. Damals atmete auch er 12 Stunden pro Tag die toxische Luft im Innern des Cerro Ricos ein. Für viele ist die Silbermine nicht nur Arbeitsort, sondern auch Grabstätte. Schätzungen zufolge stirbt in Potosi täglich ein Minenarbeiter bei der Arbeit. Martin übergibt den “Mineros” Geschenke, die er zuvor mit den Touristen am Minenmarkt gekauft hat. Geschenke, der etwas anderen Art. Coca-Blätter, Dynamitstangen und Limonade. Alkohol wäre ihnen lieber gewesen. Den 96-prozentigen Alkohol, der Schmerzen und Sorgen vergessen lässt. Und manchmal auch das brennende Dynamit, das sie in den Händen halten.

 

Nach 10 Minuten verabschiedet sich Martin von den Männern und führt die Touristengruppe weiter. Eben noch 100 Meter unter der Erdoberfläche, kündigt Martin überraschend plötzlich den nahenden Ausgang an. Bereits ist ein kleiner Lichtpunkt zu erkennen. In dessen Mitte zeichnen sich die Umrisse einer mageren, gekrümmten Gestalt ab. Der älteste Minenarbeiter von Potosi. 62 Jahre alt, arbeitet er noch immer in der Mine. Nach der glänzenden Kostbarkeit kann er nicht mehr suchen. Mit einem Plastikeimerchen, das an Sandkastenspielsachen kleiner Kinder erinnert, schöpft er das Wasser in den Gängen ab, damit seine Kollegen mit den Wagen besser durchfahren können. In einer Silbermine dieses Alter zu erreichen, grenzt an ein Wunder. Und obwohl Minenarbeiter in Boliviens Gesellschaft als “Esel” bezeichnet werden, wie Martin erklärt, ziehen noch immer junge, kräftige Bolivianer nach. Wenn aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheiten die Silberpreise an den internationalen Börsen in die Höhe schnellen, verlassen hier junge Bolivianer die Schule. Auf der Suche nach “der Silbervene”, die ihnen unvorstellbaren Reichtum verschafft und in der Hoffnung, nie mehr in den Berg zu müssen, steigen sie schliesslich Tag für Tag wieder hinab. Keine schöne Aussicht.