Gesellschaft | 18.11.2011

Rot und der Bergahorn

4. Platz Kategorie II
Mit einer Portion Neugier machte ich mich am gestrigen frühen Morgen wie vorgesehen daran, mich in die feinen Verzweigungen der Blätter zu setzen und den Herbst wirken zu lassen.
Bild: Wikimedia Commons/Markus Bernet

Die Geschichte vom Rotwerden des Ahornbaums oberhalb der Baumgrenze.

 

Ich denke nicht viel. Stummen Selbstgesprächen kann ich nichts abgewinnen, denn es ist doch immer dasselbe. Entweder handelt sich bei Gedanken um banale Beobachtungen, die kaum einen Gedanken wert sind. Dann langweile ich mich ob meinen eigenen Vorstellungen und lasse sie schnell wieder aus dem Gehirn tröpfeln, ohne ernsthafte Bemühung sie einzufangen. Oder im anderen Fall argumentiere ich gedanklich so genial, dass ich total deprimiert bin, sobald ich merke, dass keiner zugehört hat und meiner bestechenden Logik beipflichten muss. Ich habe ja bloss gedacht. Still gedacht. Allein gedacht. Reine Verschwendung der Hirnkapazität. Solche Energieverschleuderung passiert mir glücklicherweise nur noch selten.

Normalerweise bin ich einfach da, hefte mich auf unterschiedliche Materialien und lebe in den Tag, ohne zu überlegen. Jetzt, da die Arbeitszeiten immer kürzer und die Aufgaben zahlreicher werden, fällt mir dies ohnehin nicht schwer. Sobald es abends dämmert, bereite ich noch kurz den nächsten Tag vor und gehe früh schlafen, verbringe eine traumlose Nacht, irgendwo, um am nächsten Tag wieder leuchtend und motiviert zur Arbeit zu erscheinen, pünktlich mit dem Licht. Das Fazit: Ich bin auf der Welt, ohne je etwas wirklich Wichtiges gedacht zu haben. Und es gefällt mir so. Das stimmte bis gestern. Doch da ist etwas passiert. Ich habe am Vorabend einen Ahorn zugeteilt gekriegt, er stehe ein gutes Stück über der Baumgrenze, wie ich der Aufgabenbeschreibung entnahm. Keine Ahnung, wie er dorthin gekommen ist.

Darunter kämpfen die Fichten ums Überleben, und erst in tieferen Regionen tauchen vereinzelte Laubbäume auf, die sich im Nadelgehölz zu behaupten versuchen. Mein Ahornbaum wiedersetzte sich solchen Mehrheitsentscheiden offensichtlich. Er ist ein uralter Genosse, recht klein und zerzaust, aber er steht schon seit unzähligen Jahren zäh und kämpferisch oben in den Bergen und ignoriert Baumwuchsregeln tapfer.

Mit einer Portion Neugier machte ich mich am gestrigen frühen Morgen wie vorgesehen daran, mich in die feinen Verzweigungen der Blätter zu setzen und den Herbst wirken zu lassen. Dort werde ich in den nächsten Tagen die grüne Farbe des kurzen Bergsommers fliessend ablösen, mich dem Gerüst des Blatts entlang ausbreiten, um diese dann zu gegebenem Zeitpunkt sanft zu Boden zu lotsen.

Dieselbe Aufgabe wie jedes Jahr, ich werde langsam richtig gut darin. Ich kenne die Windrichtungen, weiss die Wolken zu deuten und beobachte die Konkurrenz, damit ich den richtigen Zeitpunkt nicht verpasse. Das macht mir Spass. Ich bin auch gerne Kleidungsstücke und in Tomatensauce hatte ich auch schon gewisse Erfolge. Doch der Herbst bringt viele Herausforderungen, die ich ganz besonders mag. Die letzten Jahre habe ich mich dabei einfach erfüllt gefühlt, ohne darüber nachzudenken. Doch gestern war das anders: Ich begann meine Arbeit in diesem starken hässlichen Baum. Gegen Mittag waren auserwählte Blattränder sanft verfärbt, ich gönnte mir eine Pause. Als ich da so sass und die Bergwelt betrachtete, überkam es mich. Ich

sah die Kargheit der Natur, die Klarheit der Luft hier oben. Bergkämme leuchteten zu mir und präsentierten Schnee vom letzten Jahr. Die Luft stand nie still hier oben, sie wandelte umher und spielte um mich herum und riss etwas in mir los. Ein Verlangen, ich wusste nicht genau wonach. Und da passierte es: Ohne Ankündigung sass da eine Frage in meinem Kopf. Eine Frage wie ein Holzwurm, die hier nichts verloren hatte und umso frecher Löcher in die Umgebung frass. Eine Frage, die Gedanken aufwarf und nach Antworten wühlte.

Wie werde ich gesehen? Doofe Frage. Sass einfach da und brachte mich aus dem Konzept. Sie bohrte in meinem Gehirn. Wie werde ich gesehen? Ja, wie? Das Schlimme an Fragen ist, dass sie sich, einmal eingenistet, festbeissen und vermehren wie die Karnickel. Wie werde ich gesehen? Bin ich einfach Rot? Oder habe ich einen Stich? Natürlich habe ich einen Stich, jeder hat das. Eine Frage beantwortet, ich war erschöpft. Doch schon sprossen neue aus dem Nährboden dieser Antwort. Wie sieht der Stich denn aus? Richtung Orange? Rosa? Wie wird der wahrgenommen? Sieht den jeden? Wie sehe ich eigentlich andere? Sehe ich meine Mitfarben auch mit Stich? Und gibt es den auch für Töne?

Überfordert klammerte ich mich an meinen Baum. Der Übergang von Grün zu herbstlichem Ich gelang mir gestern nicht sanft wie geplant und auch heute noch fällt mir diese Routine schwer. Anstatt einfach Rot zu sein, bin ich jetzt Rot mit Fragen im Kopf. Ich sitze in der schönsten Gegend der Welt und werde von ihr verändert. Ich bin Rot mit Fragen im Kopf. Rot mit Gedanken. Eigentlich auch Rot mit Ideen. Und was stört: Rot mit Komplexen.