Kultur | 01.11.2011

“Like an ever-growing forest”

Text von David Nägeli
Flowers From The Man Who Shot Your Cousin - hinter diesem Namen versteckt sich der talentierte Songwriter Morgan Carls.
Flowers from the man who shot your cousin: Ehrliche Lyrik für alle. Bild

Morgan Carls nennt sich Flowers From The Man Who Shot Your Cousin und schreibt Musik, die sich irgendwo zwischen Townes Van Zandt, Smog und Leonard Cohen bewegt – wunderschön, also. Der 36-jährige, in Amerika geborene Songwriter, der mit dem Umzug nach Paris die Jugenderinnerungen an Townes Van Zandt und Bob Dylan-Platten mit der romantischen, französischen Poesie eingefärbt hat, hat bisher leider nur ein Album veröffentlicht: “Hapless”. Die Harmonien und Gesangslinien darauf, erinnern an grosse Momente der amerikanischen Songwritergeschichte, klingen vielleicht einige Sekunden lang traurig oder bis in die äussersten Gliedmassen verliebt, aber kehren nach jedem Ausbruch wieder zu einer Grundharmonie zurück, die einem von Leonard Cohen noch bestens bekannt sein dürfte.

 

“I wanted my life’s work to be like an ever-growing forest. So vast that you could lose your way in it. But this branch is all I have to show. It’s withering and untended. There is nowhere it can take you, where you haven’t been before.”

 

Poesie für jeden

Eine der grossen Stärken von Flowers From The Man Who Shot Your Cousin liegt in der romantischen, einfach gehaltenen Lyrik. In kurzen Sätzen, wenigen Worten, wird ein Bild erschaffen, bei dem es schwerfällt, sich nicht sofort der Identifikation herzugeben und die Rolle des lyrischen Ichs einzunehmen. Denn Morgan Carls’ Texte machen es einem  dank extrem zugänglicher Lyrik unheimlich einfach, sich mit geschlossenen Augen auf die Matratze fallen zu lassen und der Geschichte hinter den Worten zu folgen. “Hapless” wirkt auch thematisch über die einzelnen Songs hinweg harmonisch und klingt eher wie ein Gesamtkunstwerk, eine Abhandlung, als wie eine Anhäufung einzelner Lieder.

 

Carl Morgans Stimme mag vielleicht nicht auffallend umfangreich oder kräftig klingen, doch auf jedenfall klingt sie ehrlich. Und deshalb wohl auch leicht fragil. Begleitet wird vorallem mit Gitarre, mal unterlegt mit einer Geige, im Refrain vielleicht mit einigen einzelnen Pianotönen und einfachstem Bass. Die Aufnahmen klingen leicht Lo-Fi, als ob unter spärlichsten Umständen aufgenommen und unter diesem Kleid wirkt der ganze Rest gleich noch besser. Das Gitarrenspiel bleibt dabei ebenso simpel: Akkord nach Akkord wird vorsichtig gezupft und ab und zu hört man vielleicht sogar noch einen kleinen Verspieler. Das hier kein professioneller Produzent seine Finger im Spiel hatte, bemerkt man schnell. Und eben dies macht “Hapless” so verdammt charmant.

 

Songs als Läuterung?

Gute Musik  könnte man daran messen, ob der Künstler beim Erschaffen des Werkes selbst “ein Besserer” wird, eine Katharsis durchlebt. Unter dieser Linse betrachtet, würde Morgan Carls’ Werk wahrscheinlich zu den ästhetischsten gehören. Auf “Hapless” hört man einen Mann, der Erlebnisse vor dem inneren Auge erneut durchlebt, Momente seines Lebens auf Tonband überspielt und mit ihnen abschliesst. Mit minimalster Ausrüstung und höchster Ehrlichkeit. Kurz gesagt: Fantastisch. Ausserdem unterstützt man mit dem Kauf ein richtig gutes Independent Label – etwas, das in unter der Welle von “Indie”-Bands und iTunes-Downloads ein wenig in Vergessenheit geraten ist.