Kultur | 01.11.2011

Knöpfchendreher im Industrieviertel

Text von Tobias Söldi | Bilder von Katharina Good
Neben Ausstellungen, Filmen und Vorträgen präsentiert das Shift-Festival immer auch ein hochkarätiges Musikprogramm. An drei Abenden kriegt man hier elektronische Musik in ihrer ganzen stilistischen Breite zu hören und kann Neues entdecken.
Tim Exile kam, um sein Schweizerdeutsch zu verbessern. Und machte ausserordentliche Musik. Ghostpoet waren da beinahe schon "gewöhnlich". Gazelle Twin: atmosphärisch, düster. Matias Aguayo brachte Feuer ins kühle Ambiente.
Bild: Katharina Good

Mitten im Industriegebiet vor den Toren Basels hat sich das Shift-Festival eingenistet. Fabrikhallen werden zu Konzert- und Ausstellungsräumen. Begehbare Container beherbergen keine Güter zum Transport sondern für einmal Kunstwerke. Hohe, triste Industriegebäude, herumstehende Lastwagen und viel grauer Beton erzeugen eine kühle, unwirtliche Atmosphäre. Was würde besser dazu passen als elektronische Musik, in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen? Am Computer entstandene Sounds, dargeboten von eifrigen Knöpfchendrehern und Schalterdrückern? Am Ende seines wahnwitzigen und überdrehten Sets am Samstag fragt Tim Exile das Publikum, was es zum Schluss hören wolle: “Techno? Jungle? House? Dubstep?” Man will Dubstep, was von Seiten des Musikers zu wüsten, aber nicht ganz ernst gemeinten Verwünschungen des Publikums führt, weil doch genau diese Sparte ihm nicht so liege. Für einen würdigen Abschluss eines einmaligen Sets reicht es allemal. Einmalig, weil das Publikum während des Auftrittes in ein Mikrofon sprechen konnte – “Teach me some Schweizerdeutsch!”, so Tim Exile  – und er die Wortfetzen live in seine Musik integrierte.

 

Hexenmusik und Hiphop

Die meisten Musiker waren allerdings nicht so mitteilungsfreudig und extrovertiert wie Tim Exile, der es sich nicht nehmen liess, sein Deutsch bei dieser Gelegenheit auszubessern. Manche waren gar so verschlossen, dass sie nicht einmal ihr Gesicht zeigen wollten. Etwa Holy Other, der – was für eine Genrebezeichnung! – sogenannten Witch House spielt: Irgendwie wirkt die Musik mit ihren tiefen Bässen, schleppenden Rhythmen und ihrer düsteren Stimmung aber schon etwas hexenhaft, wie ein nächtliches, okkultes Ritual. Vielleicht erklären sich diese Assoziationen aber auch einfach durch die schwarze Kapuze, die das Gesicht des Musikers vollständig verdeckte. Nicht alles war aber so mysteriös. Manchmal wähnte man sich gar auf einem “gewöhnlichen” Konzert, etwa bei Ghostpoet (“Switzerland, make some noise!”), die gar mit Schlagzeug und Gitarre antraten, um ihren vergleichsweise leicht verdaulichen, groovenden HipHop zu spielen. Deren Pendant waren am Freitag Nite Jewel mit handgemachtem Funk.

 

Abwechslungsreich

Überhaupt schienen die beiden Abende parallel aufgebaut zu sein. Die Entsprechung zu Holy Other waren die ebenfalls atmosphärischen, dunklen Gazelle Twin, die zum exzentrischen Tim Exile war Matias Aguayo. Der gebürtige Chilene versprühte mit seinem spanischen Gesang schon fast so etwas wie ein südländisches Lebensgefühl. Sein Auftritt blieb immer schweisstreibend und tanzbar, drohte aber nie in Belanglosigkeit abzudriften, dafür war seine Musik zu unkonventionell und aufregend. Langsam kristallisiert sich auch die Erkenntnis der Konzertabende heraus: Elektronische Musik am Shift-Festival ist eben nicht einfach elektronische Musik, sondern ist Dubstep, ist HipHop, Witch House und noch vieles mehr.

 

Einfach gute Musik

Die Konzerte sollen, so ist es im Programmbeschrieb zu lesen, “die verschiedenen Ausdrucksformen der menschlichen Stimme in der elektronischen Musik” thematisieren. Das mag eine gute Idee für ein übergreifendes Gesamtkonzept sein, doch allzu oft musste man während den Konzerten nicht daran denken. Vielmehr genoss man zwei abwechslungsreiche, aufregende, mit Überraschungen und Entdeckungen gespickte Konzertabende, bei denen es letztlich egal war, ob die menschliche Stimme irgendwie thematisiert wurde oder nicht. Die Musik war einfach gut.

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