Gesellschaft | 22.11.2011

Erschlagen von der Informationsflut

Gibt es ein Zuviel an Information? Expertinnen und Experten diskutieren am Berner Medientag 2011, wie mit der sogenannten Informationsflut umzugehen sei. Zwischen Wahl, Nutzung und Luxusproblemen der erhältlichen Informationen.
Moderator Martin Freiburghaus und Beatrice Wertli, Präsidentin der Berner Public Relations Gesellschaft, im Gespräch über den "Kommunikationszwang".
Bild: Katharina Bornhauser

Pro Tag arbeiten Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer 357 Minuten – und konsumieren während 327 Minuten Medien. Die Gratiszeitung “20 Minuten” bedruckt jeden Tag 39,2 Millionen Zeitungsseiten, was aneinandergereiht der Strecke von Bern nach San Francisco entspricht. Die Masse von Informationen, die dem Rezipienten heutzutage zugänglich ist, kommt einer Lawine gleich, einer Informationsflut. So argumentieren jedenfalls Kritiker der modernen Medienlandschaft. Am 21. Berner Medientag wurde diese These kontrovers diskutiert. “Man bekommt den Eindruck, die einzige Qualität sei die Quantität der Informationen”, kritisierte Martin Freiburghaus, ehemaliger Geschäftsleiter von Radio BE1. Im Zeitalter des sogenannten Newsroom, dem zentralen Produktionsort, wo Nachrichten eintreffen, könne jeder am Informationsprozess Beteiligte mehr produzieren als je zuvor.

 

In einem Newsroom werden Themen verschiedener Ressorts zentral besprochen. Nicht selten versorgt ein Newsroom mehrere Medien – Zeitungen, Onlineplattformen und soziale Netzwerke – mit Nachrichten. Diese Verdichtung und Aktualität von Information ist wegen des Wettbewerbsdrucks in der Medienbranche zentral. Freiburghaus kritisierte: “Die Journalisten behalten sich das Recht vor, Informationen zu verbreiten und gleichzeitig in ihrem jeweiligen Medium über die Informationsflut zu lästern.” Doch wen betrifft diese sogenannte Informationsflut und wem schadet sie?

 

Informationsflut als Luxusproblem?

“In anderen Ländern redet man nicht über Informationsflut, sondern ist froh, dass man überhaupt Zugang zu Information hat”, meinte Beatrice Wertli, Präsidentin der Berner Public Relations Gesellschaft. Die Informationsflut als Luxusproblem? Digitale Medien haben das Leben vieler Menschen verändert: Ohne Computer und Handy ist der Alltag kaum mehr vorstellbar. Diese ständige Verfügbarkeit ist nicht nur ein Segen, sondern auch eine Belastung. “Die Informationsflut ist primär da, wo es viele Kanäle gibt”, sagte Wertli. Es würden zwar nicht mehr Themen diskutiert, aber dafür intensiver. Diese Diskussion hätten insbesondere die Social Media wie Facebook und Twitter verstärkt. Im Gegensatz zu den traditionellen Medien Zeitung, Radio und Fernsehen ist bei diesen Netzwerken das Gefälle zwischen Rezipienten und Produzenten beinahe inexistent. Denn Blogs und Online-Communities ermöglichen einer grossen Masse, Informationen aufzubereiten und zu verbreiten. Das ist Chance und Risiko zugleich.

 

Das Rauschen in der Onlinewelt

“Die Schwierigkeit liegt darin, als Journalistin oder Journalist mit diesen Informationen umzugehen”, sagte Lis Borner, Chefredakteurin des Schweizer Radio DRS. Wie bewertet eine Redaktion die Mitteilungen, die durch die Onlinewelt rauschen? Das kritische Hinterfragen der Quellen ist für Borner das A und O. Alle Facetten eines Themas müssten aufgezeigt werden. Dazu braucht es eine gewisse Menge von Informationen, die durch die neue Quellenlage wiederum zugänglich werden. Neue Medien seien daher keine Konkurrenz zu den traditionellen Massenmedien, sondern eine Ergänzung. Die stets wiederkehrende Hysterie um das Mediensterben – momentan um das durch das Internet bedingte Zeitungssterben – sei somit übertrieben. Für alle Medien gelte: “Es liegt in der Verantwortung der Journalisten, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen”, sagte Borner.

 

Einklinken und Ausblenden

Diese Trennung müssen auch die Rezipienten machen. Es können niemals alle Informationen aufgenommen werden, die im Umlauf sind. Diese “Informationsflut” könne dadurch bewältigt werden, dass der Rezipient lernt zu fokussieren, erörtert der auf Onlinemedien spezialisierte Journalist Konrad Weber. “In den Informationsfluss kann sich der Rezipient einklinken und Dinge, die ihn nicht interessieren, ausblenden”. Der Mediennutzer wird also nicht von der Informationsflut erschlagen, sondern wählt nach seinen Bedürfnissen aus dem Angebot aus. Die Tatsache, dass gut 200 Kaufzeitungen in der Schweiz erhältlich sind, schreibt dem Rezipienten nicht vor, dass er auch 200 Zeitungen lesen muss. Vielmehr erweitert eine wachsende Titelzahl die Wahlmöglichkeit des Nutzers.

 

Die Macht der Nutzer

Diese Wahlmöglichkeit ist eine Form der Demokratisierung. Phänomene wie der Arabische Frühling, der durch neue Medien gestützt wurde, zeigen die plurale Struktur der modernen Medienlandschaft. Doch die Macht läge nicht bei den Medien, sondern bei den Nutzern, so Lis Borner. “Ich behaupte nicht, die Medien würden die Welt verändern. Aber sie können den Menschen helfen, es zu tun.”

 

 

Berner Medientag


Der Berner Medientag ist eine Veranstaltung von Journalisten- und Kommunikationsvereinen, darunter Impressum und Syndicom. An diesem jährlich stattfindenden Anlass diskutieren Medienschaffende und Experten medienpolitische Fragestellungen. Heuer lautete das Thema: “Wir fluten die Köpfe – Medien und PR im Kommunikationszwang”.