Kultur | 14.11.2011

Elektronische Traumlandschaften

Text von Bernhard Marsden | Bilder von zVg
«Hurry Up, We're Dreaming!" scheint eine Aufforderung zu sein, die in der rationalen Alltagshektik heute nur noch von einem der beiden Kinder auf dem CD-Cover stammen könnte. Mit dem neuen Doppelalbum laden M83 den Hörer zu einem intergalaktischen Trip durch längst vergessene Traumlandschaften ein, an welche manch einer aufgrund all seiner ernsthaften Verpflichtungen schon lange nicht mehr zu denken gewagt hätte.
Mach schnell, wir träumen! M83 entführt den Hörer in eine Welt, die wir uns zeitlich kaum mehr leisten können.
Bild: zVg

Damit der Hörer bei diesem Trip nicht überfordert wird, markieren sowohl ein Intro wie auch ein dazugehöriges Outro auf der zweiten CD den jeweiligen Start und das Ende der Reise. Die Intensität der Musik leidet allerdings nicht unter dieser Einführung, die mit den Worten “We didn-˜t need a story, we didn-˜t need a real world” das Programm des 22 Lieder starken akustischen Ausflugs noch einmal deutlich macht. as im Featuring mit Zola Jesus entstandene Intro sorgt gleich von Beginn an für eine Gänsehaut. Der raumfüllende Klang und der stimmhaften Auftritt von Zola Jesus zaubern Bilder von Lichtern, unberührten Naturlandschaften oder fernen Welten vor das innere Auge des Zuhörers. Unterstützt wird dies durch den Einsatz von Synthesizern und vielen anderen kleinen Effekten, die das Gefühl eines blinkenden Sternenhimmels in einer glasklaren Winternacht entstehen lassen. Damit gibt das Intro einen guten Ausblick auf die weitere musikalische Richtung des Albums.

 

Mächtige Soundkulisse

“Midnight City”, der zweite Song der CD, stellt die erste Single-Auskoppelung dar und reiht sich konzepttechnisch nahtlos an das “Intro” an. Weich gehauchte oder gesprochene Gesangspassagen mit lauten Instrumentals darüber und sich wiederholende Textpassagen bilden den Kern des Stücks. Wie beim ersten Track dominiert auch hier die Soundkulisse. Sie wird teilweise so stark und durchdringend, dass man nach Angaben von Frontmann und Bandgründer Anthony Gonzales das Gefühl bekommt, von Sonnenstrahlen beschienen und verbrannt zu werden. Auch im dritten Track geht dieses Konzept auf – “Reunion” verdeutlicht, warum die nach der Spiralgalaxie “Messier 83” benannte Band dem Electronic-/ oder Dreampop-Genre zugeordnet wird.

 

Fragile Mitte, starke Fortsetzung

Danach wird die Musik sanfter und es folgt ein Interlude, bei dem sich der Zuhörer vom anregenden Anfang erholen kann. Teilweise sehr kurze Tracks wie “Train to Pluton” (1:15) werden eingeschoben, die manchmal aber wie Lückenbüsser wirken und als eigenständige Werke nicht zu überzeugen vermögen. Auch die kindliche Jagd nach dem magischen Frosch des Dschungels in “Raconte-Moi Une Histoire” ist eher Geschmackssache und wird nicht jedem gefallen. Auf einen gelungenen Anfang folgt also ein etwas wackeliger Mittelteil. Die erste CD wird mit «Soon my friend« durch eine interessante Mischung aus traditionell akustischen Gitarrenklängen und futuristischem Gesang abgerundet, wobei aber auch hier das starke Niveau des Anfangs nicht mehr erreicht wird.

 

Ein Flug durch die Arktis

Der Beginn der zweiten CD macht dies mit «My Tears Are Becoming a Sea« mehr als wett, wo musikalisch nahtlos an die Grösse des “Intros” angeschlossen wird. Snowboardfans dürften diese Klänge und gerade auch das «Outro« am Ende nicht ganz unbekannt sein. Wer einmal nach einer gelungenen visuellen Umsetzung von Gonzales akustischer Welt suchen sollte, ist mit “The Art of Flight” nicht schlecht beraten, wo Snowboardgrössen wie Travis Rice zu den oben genannten Liedern in Helikoptern durch arktische Landschaften fliegen und Doppelsaltos über Distanzen von 35 Metern zeigen. Die raumfüllende Akustik von Gonzales-˜ Doppelalbum findet in diesen grossen Bildern ein würdiges Pendant. Auf der zweiten Disk fallen vor allem Lieder wie “New Map” oder “Echoes of Mine” auf, die ein wenig an alte Tracks wie “Don’t Save Us from The Flames” vom 2005 veröffentlichten Album “Before the Dawn Heals Us” erinnern und vor allem treue Fans erfreuen dürften. Die Interludes dauern im zweiten Teil ein wenig länger, sind aber auch hier nicht unbedingt die stärkste Seite des Albums. Im “Outro”, dem finalen Track des Albums, gibt Gonzales schliesslich noch einmal alles und baut eine langsam sich steigernde Musik auf, bei der er mit den Worten “Creatures of my Dreams raise up and dance with me! Now and for ever, I-˜m your King”, das musikalische Programm des Albums noch einmal zusammenfasst, um es dann sanft mit einem Klavier ausklingen zu lassen und den Zuhörer so stückweise wieder zurück in die Wirklichkeit zu holen.

 

“Hurry Up, We-˜re Dreaming!” stellt alles in allem eine äusserst gelungene Reise in die elektronisch generierten Traumlandschaften von M83 dar. Insgesamt hätte das Doppelalbum ein wenig kürzer ausfallen können und auf einer Scheibe Platz gehabt. Nichtsdestotrotz dürfte sie aber Fans ebenso wie Neueinsteiger durch grosse Musik begeistern und ein gutes Gegenstück zu einem Alltag bildet, der manchmal allzu rational zu werden droht und keinen Platz für Träume mehr lässt.

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