Gesellschaft | 01.11.2011

Einen Siedler zu verstehen versuchen

Text von Barbara Kieser | Bilder von Barbara Kieser
Zwei Tage frei. Wüste, die jordanischen Berge in Sicht, 32 Grad um 6 Uhr abends, im Toten Meer schwebend Bier trinken - mit einem israelischen Siedler.
Israelische Siedlungen -“ moderne Burgen. Im  Bild Beitar Illit in der Nähe von Bethlehem.
Bild: Barbara Kieser

Der Siedler ist 30 Jahre alt, er lebt alleine in einer Siedlung in der Nähe von Jenin, im Norden der Westbank, und arbeitet seit zehn Jahren für die Armee. Er gehört zu der radikalen Sorte, ist Siedler aus Überzeugung und nicht, wie viele, weil Siedlungswohnungen massiv subventioniert sind. Für das Bad im Meer nimmt er seine Pistole aus der Hose. Fast wirkt er wie ein normaler Tourist.

 

Zurück zu 1947?

“Das Problem zwischen den Israelis und den Palästinenser liesse sich einfach lösen”, sagt er und rudert etwas im salzigen Wasser. “Es gibt ja genügend arabische Länder in der Region, wo sie hingehen könnten.” Dieselben Länder zitiert er auch, als er erklärt, weshalb die UNO eine Israel-feindliche Institution sei. Den Hinweis auf die generell den Interessen Israels entsprechende Vetomacht der USA im UNO-Sicherheitsrat lässt er nicht gelten: Man könne schliesslich nicht wissen, wie lange die USA noch in dieser Position sein werden.

 

In einem Fall jedoch ist er voll und ganz mit der UNO einverstanden: Als die Generalversammlung 1947 dem Teilungsplan zwischen Israel und Palästina zustimmte. “Das hätten die Araber akzeptieren müssen. Es war nun mal international so entschieden worden”, sagt er und übergeht geflissentlich den Hinweis auf die verschiedenen UN-Resolutionen, wonach die israelischen Siedlungen internationalem Recht widersprechen. Gemäss dem Teilungsplan wären 56 Prozent des historischen Palästinas an Israel gefallen, wobei die jüdische Bevölkerung damals 33 Prozent ausmachte. Die arabische Gemeinschaft lehnte den Plan ab und kurz darauf kam es zum ersten arabisch-israelischen Krieg, welcher die Vertreibung von rund 750’000 palästinensischen Arabern zur Folge hatte.

 

Bloss keine Zugeständnisse

Die Flüchtlinge sind indirekt auch der Grund, weshalb er den Palästinensern die Westbank nicht zurückgeben will. “Sie sagen, sie wollen die Westbank. Aber sie wollen ja auch Haifa und Tel Aviv zurück. Sollen wir ihnen etwa alles geben?” Die israelischen Siedler sieht er nicht als Problem. Erstens komme er ja gut aus mit seinen palästinensischen Nachbarn und gehe sogar bei ihnen einkaufen. Und zweitens: “Was machen denn all die arabischen Israelis in Israel?” Dass diese bereits vor der Entstehung Israels dort lebten, kümmert ihn wenig.

 

Was ihn hingegen kümmert, ist der jüdische Charakter Israels, den er unbedingt verteidigt wissen will. Und als er sich die Pistole schon längst wieder in die Hose gesteckt hat, liefert er auch den Grund hierfür: Wenn er die Palästinenser und ihre Kultur sehe, fühle er sich 40, 50 Jahre zurück versetzt. Insofern sei es doch gut, dass die Siedler ihnen das moderne Leben zeigen könnten.

 

Nun. Ich habe es versucht.