Gesellschaft | 08.11.2011

“Ein Steinwurf, aus dem Grosses werden soll”

Text von Janosch Szabo
In seinem Rap "Sai" beschreibt Raphael Stierli alias Cyphermaischter das Schicksal eines Mädchens, das sich in Thailand prostituiert. Nun hat der junge Bündner Rapper für dieses pontierte Werk, zudem auch ein Videoclip gehört, den Young Caritas Award verliehen bekommen. Er selbst sagt: "Es geht weiter.»
Raphael Stierli freut sich riesig über den Gewinn des Young Caritas Awards. Die Gruppe Polybau half, ein Schulhausdach im bosnischen Olovo zu sanieren. Mark Kelley sorgte für die künstlerische Untermalung des Abends. Samantha Taha, Moderatorin des Abends, flankiert von Sara Bukies (l.) und Andriu Deflorin von Young Caritas

Raphael Stierli war sichtlich gerührt, als er am letzten Samstag im Treibhaus in Luzern als Sieger des Young Caritas Award auf die Bühne gerufen wurde. Schon kurz vorher hatte der Bündner sein Rap-Projekt vorgestellt, einen Abschnitt daraus vorgetragen, und die Stimmung im Saal damit zwischenzeitlich gedämpft. Denn was er rappend erzählt, ist happige Kost: die Geschichte eines thailändischen Mädchens namens “Sai”, das in die Prostitution gerät – “eine Geschichte, die auf wahrer Begebenheit basiert”, wie Stierli alias Cyphermaischter später im Interview sagt. Das Buch “Ich war erst 13” von Julia Manzanares und Derek Kent sei seine Grundlage gewesen. Es habe ihn schockiert und dazu bewegt, sich genauer zu informieren. Der Entschluss war gefasst, etwas gegen die Kinderprostitution zu tun, ein Zeichen zu setzen – gerade hier: “Die Schweiz ist ein reiches Land. Viele gehen nach Thailand in die Ferien”, sagt Raphael Stierli: “Ich will den Leuten eine Botschaft mitgeben, damit sie auch die Kehrseite des vordergründig Schönen kennen.” Man solle darüber reden und es nicht weiter tabuisieren. Es steckten da wirklich eine Menge krimineller Machenschaften dahinter. Je tiefer man gehe, desto mehr komme ans Tageslicht. Pointiert bringt er es zum Ausdruck.

 

Botschaft für die Jugend

Manchen ist das zu heftig. Er habe auch schon rückgemeldet bekommen, dass so ein Thema nicht in die Musik passe, die unterhalten solle. Raphael Stierli sieht das anders. Er will ja gerade wachrütteln. Den Rap – sein Hobby – hat er gezielt als Medium gewählt, “speziell auch, um junge Leute zu erreichen”, wie er sagt. Er schreibe generell tiefgründige Texte. Nie vorher habe er für einen Song aber so intensiv recherchiert. Es war ihm wichtig: “Wenn jemandem Leid zugefügt wird, dann engagiere ich mich.” Mit dem Verkauf des Albums “Regaboga” unterstützt er ein Caritas-Projekt für Mädchen und junge Frauen, die in Pattaya auf den Philippinen Opfer der Prostitution wurden. Zwei Franken pro verkaufte Scheibe gehen an das Projekt. Dazu kommen die gesamten iTunes-Einnahmen. Ein Videoclip auf Youtube rundet das Paket ab.

 

“Das ist riesig”

Raphael Stierli hat alles selber aufgegleist, produziert, bekannt gemacht und in die Medien gebracht. Die Jury überzeugte denn auch die kreative Qualität und Aufmachung der CD sowie die Medienresonanz, die Cyphermaischter damit erzielen konnte. Er selbst sieht sich bezüglich Resonanz allerdings erst am Anfang. In Graubünden sei er wahrgenommen worden, jetzt gelte es die Kantonsgrenzen zu überwinden. Mit Hilfe eines bekannteren Rappers will er seinen Song schweizweit bekannt machen. Und dann soll ein weiteres Stück zum Thema Kinderprostitution folgen. Ob es dort anknüpft, wo das aktuelle aufhört oder die Thematik ganz neu aufrollt, lässt Cyphermaischter noch offen. Auf jeden Fall wird er im nächsten Jahr als Award-Gewinner eine Reise unternehmen, und zwar genau zu jenem Projekt in Pattaya, das er mit seinem Rap unterstützt. “Das ist riesig so etwas, vielen vielen Dank”, sagt er auf der Bühne. Später sinniert er: “Es wird hart sein, das 1:1 zu erleben. Aber ich freue mich und nehme vielleicht einen Kollegen mit, um eine Dokumentation zu machen.” Sein Engagement versteht er als ersten Steinwurf, aus dem hoffentlich etwas Grosses werde. Konkret: ein Gesprächsthema weit herum. Stierli sagt: “Wenn die Nachfrage nicht da wäre, gäbe es die Kinderprostitution gar nicht.”

 

Info


Zehn Projekte, hinter denen insgesamt 150 Jugendliche stehen, waren für den Young Caritas Award nominiert. Sie engagierten sich mit Aktionen für Kinder in Haiti oder Hungernde in Afrika oder für eine vegetarische und faire Alternative zu ihrer Mensa. Der Preis, der jährlich an ein innovatives Sozialprojekt geht, wurde heuer bereits zum achten Mal vergeben. Den Publikumspreis sicherte sich die Lehrlinge der Berufsschule Polybau in Uzwil, die in Zusammenarbeit mit bosnischen Partnern in der Stadt Olovo ein Schulhausdach saniert und dabei über das duale Berufsbildungssystem in der Schweiz informiert hatten.

 

Links