Kultur | 29.11.2011

Ein Labyrinth durch den Surrealismus

Text von Katharina Good | Bilder von Katharina Good
Der Surrealismus ist nicht nur ein faszinierender Kunststil, sondern auch eine Bewegung, welche die Gesellschaft verändern wollte. Nach dem Ersten Weltkrieg und sozialen Umwälzungen befahl der Theoretiker André Breton der Kunst, frei zu sein. Sie solle sich von der sichtbaren Realität lösen. Diese Gedanken entfaltete sich zuerst in der Literatur, um dann die Schöpfungskraft bildender Künstler zu bereichern.
Das königliche Paar von Ernst bewacht ein Reich, wo Verstand und Logik keine Rolle spielen. Der Betrachter muss sich in den Bildern Dalís lange vertiefen, um in diesen die vielen symbolischen Gestalten zu entdecken. ("Schwäne spiegeln in Elefanten wider", 1937) Eine Ausstellungsbesucherin läuft durch das Labyrinth aus dunklen Wänden und bleibt bei Magrittes rätselhaften Bildern stehen.
Bild: Katharina Good

Ein sonderbares Königspaar begrüsst die Ausstellungsbesucher aus dem Foyer beim Museumseingang. Wenn man dieser mächtigen Plastik näherkommt, wird es immer schwieriger zu beschreiben, was Max Ernst darin formte. Menschliches vermischt sich mit Körperteilen von Tieren und während man anfangs nur zwei thronende Mischwesen zu erkennen glaubte, sieht man bald bis zu sieben solcher Figuren ineinander vereint. Wieso alles genau definieren? Der Surrealismus will, dass man auch die Gegensätze in einer Gesamtheit zulässt. “Capricorne” ist erst der Anfang einer Reise mit der Fantasie.

 

Labyrinth der Sagen und Träume

Unter den Mischwesen von Max Ernst kann man auch einen Minotauros erkennen, eine Kreatur mit Menschenkörper und Stierkopf. In der antiken Mythologie lebte dieser in einem Labyrinth, indem sich seine Opfer darin verloren. Im Paris der 1930er Jahre war der “Minotaure” ein Künstlermagazin, von dem in Basel einige Exemplare in Vitrinen ausgestellt sind. Das aufwendig hergestellte Magazin beinhaltete neben literarischen Werken auch Originale namhafter Künstler, doch – wie auch in der Basler Ausstellung – konnten darin auch weniger bekannte Zeitgenossen beeindrucken.

 

Das Labyrinth der Ausstellung führt immer tiefer in das Reich der Sagen und Träume. Auf schwarzen Wänden leuchten die Gemälde, die ihrerseits den Blick in andere Welten öffnen. Keines der Werke zeigt auf den ersten Blick, was auf ihm dargestellt ist. Mirós kunterbunte Gemälde etwa laden den Betrachter dazu ein, selber Assoziationen zwischen den dargestellten Worte und Bilder zu kreieren. Auch die Frottage-Bilder von Max Ernst ziehen den Betrachter in ihren Bann, da er immer wieder neue Figuren darin erkennen kann.

 

Viele Namen, viele Objekte

Etwas anders geht der belgische Künstler René Magritte vor. Mit seinen Titeln bereitet er jeweils den Weg für Assoziationen vor, lässt aber dabei offen, ob dieser zu einer richtigen Interpretation führt. Den Mann mit Melone, den wir auf “Der grosse Krieg” von 1964 sehen, versuchen wir mit dem Titel politisch zu identifizieren. Vielleicht handelt es sich aber gar nicht um einen bewaffneten Kampf, sondern um den mit der Fantasie, die unbedingt herausfinden will, wie das Gesicht hinter dem grünen Apfel aussieht? Magritte sucht mit seinen Bilderrätseln nach neuen Worten für die Gegenstände, die er abbildet. Ein Damenschuh bezeichnet er in seinem “Der Schlüssel der Träume” als Mond, ein leeres Glas wird als Gewitter angeschrieben. Schliesslich seien diese nicht so sehr an ihren Namen gebunden, dass man nicht einen besseren finden könne.

 

Die Anhänger des Surrealismus bearbeiteten auch vorgefundene Alltagsgegenstände so, dass diese eine “absolute Realität” vermitteln sollten. Die auf einem Tablett präsentierten Damenschuhen von Meret Oppenheim dürfen in dieser vielfältigen Ausstellung ebensowenig fehlen wie surrealistische Fotografien von Man Ray und Filme wie Bunuels “Andalusischen Hund”.

 

Die Fondation Beyeler lockt mit drei Namen nach Riehen: Dalí, Magritte, Miró. Alle drei sind Künstler, welche die Moderne entscheidend beeinflusst haben und auch heute bestens bekannt sind. Zweifellos hat die Ausstellung viel mehr zu bieten. Neben Ernst, der schon genannt wurde, fallen viele weitere Künstler mit ihren Werken auf. Es erstaunt weniger, dass auch Pablo Picasso seinerzeit zu der Bewegung gehörte, als dass Alberto Giacometti nur wegen seiner Auseinandersetzung mit der sichtbaren Natur davon ausgeschlossen wurde.

 

Keine surrealistische Ausstellung

Philippe Büttner konnte wichtige Werke aus den Sammlungen von Simone Collinet und Peggy Guggenheim nach Basel holen. Wie wir auf grossformatigen Fotos sehen, hängte Guggenheim die Bilder an ebenfalls dunkle, zusätzlich gebogene Wände und verstärkte damit den Eindruck einer Traumwelt. Obwohl die Fondation Beyeler sich darum bemüht, die Atmosphäre der surrealistischen Ausstellungen zu vermitteln, muss sie dabei unweigerlich scheitern. Indem sie den Surrealismus in einem musealen Kontext präsentiert, macht sie deutlich, dass die einst aufrührerischen Experimente nun zu millionenschweren Kunstwerken geworden sind.

 

Wie der Beitrag von Annabelle Görgen im Ausstellungskatalog nacherzählt, wollten die Surrealisten ihre Besucher mit allen Sinnen ansprechen. Marcel Duchamp kreierte 1938 zum ersten Mal eine Ausstellung, welche die Besucher in ihrem Unterbewusstsein packen  sollte. An der Decke hängende Kohlesäcke machten die Räume so dunkel, dass die Besucher selber Taschenlampen mitnehmen und so nach den Kunstwerken suchen mussten. Ein brennender Ofen am Boden, die versperrten Notausgänge und der Ton von hysterischem Gelächter versetzten sie in existentielle Angst.

 

Die meisten Besucher in Basel werden Philippe Büttner und seinem Team verzeihen, die Ausstellung nicht wie die Surrealisten gestaltet zu haben. Viele werden es auch schätzen, dass er Ordnung in das vielfältige Durcheinander der Bewegung bringt. Wenn auch im Gegensatz zu einer surrealistischen Ausstellung von 1942 kein meilenlanger Faden quer durch die Räume gezogen worden ist, so führt ein imaginärer Faden über die packenden Werke der verschiedenen Kunstgattungen, durch das Labyrinth hindurch, zurück zum Foyer, wo die Reise angefangen hat.

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