Gesellschaft | 08.11.2011

“Ein kleines Stück Frieden”

Text von David Nägeli | Bilder von Tim Strasser.
Mitten in der Pampa von Portugal liegt eine kleine Oase des Friedens. Fernab von Wirtschaftskrise, Globalisierung oder Konsumdenken hat sich das Friedensforschungsprojekt Tamera dem Entwurf einer alternativen Gemeinschaft verschrieben. Um die Kernthemen Liebe, Zusammenleben und Natur arbeiten hier einige hundert Menschen an einer Vision für die Zukunft.
Tamera: Utopie oder Realität? Rund 200 Menschen wohnen im "Heilungsbiotop". Tamera bietet ein "anständiges" Lebensmodell für kleinere Gemeinschaften.
Bild: Tim Strasser.

“Entweder du willst die nächsten Jahre in Tamera verbringen oder du flüchtest nach einem Tag wieder.” Dank der Vorwarnung einer früheren Bewohnerin habe ich eine Liste an Hostel-Adressen auf die Reise nach Tamera mitgenommen. Nach einer dreistündigen Zugfahrt von Lissabon nach Funcheira sitze ich in einem klapprigen VW und werde durch staubiges Brachland chauffiert. Bei dem Blick durch die Autofenster scheint allein der Versuch, hier einige hundert Menschen autonom zu ernähren, utopisch.

 

Als wir über einen kleinen Erdwall fahren, breitet sich jedoch ein komplett anderes Bild aus: Um einen grossen See blühen Bäume und Büsche mit dem Gras auf dem Dach von Lehmhäusern um die Wette und in der Ferne sind spielende Kinder zu hören. “Willkommen in Tamera”, grinst mir der Fahrer entgegen. Das “Heilungsbiotop” Tamera wurde 1995 als Projekt des deutschen Zentrums für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG) gegründet. Basierend auf den Gedanken des Soziologen Dieter Duhm und der Theologin und Aktivistin Sabine Lichtenfels wird hier geforscht, diskutiert und gelebt. Das Ziel ist ein neues Lebensmodell, das dankbar mit den Erdressourcen umgeht und zwischenmenschliche Konflikte löst und so Frieden schaffen kann.

 

Von Brasilien bis nach Israel

Ein bunter Haufen aus rund zwei- bis dreihundert Menschen lebt in Tamera, einige nur für einen Monat, andere bereits seit Jahren. “Ich bin hier, um für Ägypten ein Zusammenleben der verschiedenen Religionen zu erforschen”, erklärt ein Pfarrer aus Kairo, der die letzten Monate hauptsächlich auf dem Tahrir-Platz zu finden war. Neben ihm sitzt eine dünne Geschichtenerzählerin aus Israel, auf der anderen Seite ein deutscher LKW-Fahrer. “Auf meinen Fahrten nach Portugal habe ich von Tamera erfahren. Da mich offene Beziehungsformen interessieren, wollte ich hier vorbeisehen – und jetzt bin ich seit zwei Wochen hier und pflücke Feigen”, lacht er. Mit dem Aufenthalt geht die Mitarbeit Hand in Hand. Die vegane Küche muss bemannt und die Felder geerntet werden. Man klettert also durch die Kronen von Aprikosenbäumen, kümmert sich um Nachbesserungen des Auladaches oder hilft bei der Erfassung aller Tier- und Pflanzenarten auf dem Gelände mit. Auch eine Schule wird in Tamera unterhalten und auf dem wachsenden Areal werden weitere Seen ausgehoben oder neue Felder gepflügt.

 

Gearbeitet wird am Morgen und am frühen Abend – unter der brütenden Nachmittagssonne ist körperliche Ruhe angesagt. “Wenn Angela Merkel findet, die Portugiesen müssten mehr arbeiten, soll sie hier mal am Nachmittag einen Spaziergang machen”, witzelt ein Portugiese. Die Stunden zwischen zwei und sechs sind der geistigen Arbeit vorbehalten, Diskussionen oder einem Besuch der Bibliothek. Am Abend findet man sich dann in der Bar wieder, um bei Musik und Tanz den Tag ausklingen zu lassen.

 

Von der Liebe und der Landwirtschaft

Viele in Tamera arbeiten an einem Modell der besitzlosen Liebe, ob nun im Rahmen der Monogamie oder ohne festen Partner. Einige Grundgedanken dieser sind es, emotionale Abhängigkeiten aufzulösen und auch in tiefer Vertrautheit (ob bewusst oder unbewusst) nicht über das Leben des anderen zu bestimmen. Hierzu sind Ehrlichkeit und die Fähigkeit zur Selbstreflexion nötig – beides wird in Tamera gefördert. In grösseren und kleinen Gruppen bespricht man die eigene Eifersucht, oder versucht auch in emotional-schweren Momenten nicht die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. “Es kann in der Welt keinen Frieden geben, solange in der Liebe Krieg ist”, lautet einer der Grundgedanken. So wird versucht, aus dem Geschlechterkrieg eine gegenseitige Solidarität zu schaffen.

 

Spiritualität ist in Tamera ebenfalls ein Thema. Wer sich mit keinerlei Glauben anfreunden kann, wird sich hier ab und an fehl am Platz fühlen. Mit Religion hat dies jedoch nichts zu tun. Tiere, Wasser, Pflanzen – nach der vorherrschenden Ansicht ist alles heilig und in allem steckt ein Teil dessen, was man mit «Chi», «Gott» oder einfach «Leben» umschreiben könnte. Respektloser Umgang mit Tieren oder Pflanzen wird so nicht toleriert und für die Ressourcen der Erde Dankbarkeit erwartet.

 

“Beobachtet, wie die Natur gedeiht und orientiert euch an ihrer Ordnung”, beschreibt der Permakultur-Experte Sepp Holzer eine Landwirtschaft, die dem Planeten gerecht werden sollte. Die Kartoffelfelder in Tamera sind von diversen anderen Gewächsen durchzogen und die Seen werden mit Bäumen und Steinen gefestigt. Aufgrund des Wasserkreislaufs sind auch chemische Hygieneprodukte auf dem Gelände verboten. Nach vielen Jahren des Experimentierens ist man 2012 vermutlich soweit, dass man sich nur mit Eigenanbau ernähren kann – bisher wird noch von Bio-Bauernhöfen in der Nähe eingekauft.

 

Für alle Punkte, in denen Tamera Fortschritt anstrebt, finden Vorträge von durchreisenden Experten statt, es werden Testfelder installiert oder Diskussionsrunden eingeleitet. So wird für 50 Leute bereits nur mit Solarenergie gekocht, etwas was bald Einzug in die gesamte Küche finden wird.

 

Zukunftstauglich

Nach der Idee hinter Tamera könnten überall auf der Welt kleine Biotope entstehen, in denen sich bis zu 500 Menschen einem Leben widmen können, bei dem man kein schlechtes Gewissen zu haben braucht. Wenn wir in der Schweiz Lebensmittel oder Luxusgüter einkaufen, so finden wir schnell Ungerechtigkeiten dahinter – ob Kinderarbeit, Umweltverschmutzung oder die Ausbeutung von Minderheiten. Tamera bietet hingegen ein Lebensmodell, das für kleinere Gemeinschaften ein «anständiges» Leben offeriert: Arbeit, bei der man das Resultat erblicken kann, Zwischenmenschliche Beziehungen ohne Hintergedanken und keine Zerstörung der Erde und ihrer Ressourcen. Obwohl die Gemeinschaft nur einen kleinen Beitrag zum Gesamtwohl leistet, so zeigt sie uns doch, dass es Alternativen gibt – Alternativen zu Konsumdenken, Globalisierung und gegenseitigem Hass.

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