Gesellschaft | 18.11.2011

Die Welt in der Streichholzschachtel

Text von Julia Degelo | Bilder von Wikimedia Commons
3. Platz Kategorie I
Ich rieb mir die schmerzenden Augen und blickte kurz nach unten.
Bild: Wikimedia Commons

Die Sonne brannte in meinem Nacken. Kleine, silberne Schweisstropfen rannen meine Wirbelsäule entlang, blieben am Hosenbund hängen. Unter mir schimmerte der See. Die spiegelglatte Felswand in meinem Rücken fühlte sich tröstend an, beschützend. Ich tastete nach einer Unebenheit, einer Abweichung dieser Perfektion und fand keine. Ein Adler zog träge seine Kreise. Beim Aufstieg hatte ich sein Nest entdeckt, gut behütet auf einem schmalen Felsvorsprung.

Ich drehte nervös am Fallschirmgurt. Nun mach schon! Sei kein Weichei! “Ruhe”, knurrte ich meiner inneren Stimme zu und schnallte den Fallschirm enger. War das wirklich eine gute Idee? Meine kleine Schwester würde mich auslachen, könnte sie mich so sehen. Sie, die Wagemutige, der Wirbelwind, die Mutige. Und ich, der Schmächtige, der Feige, der Stille.

Ich knetete meine Finger ineinander. Sie waren rauh und voller Blasen von der Kletterei. Kurz schoss mir ein Bild durch den Kopf. Die Schlagzeile einer Zeitung. “Gymnasiast bei tragischem Fallschirmunglück ums Leben gekommen”. Ich kniff die Augen zusammen und legte den Kopf in den Nacken. Der Himmel war tiefblau und wolkenlos. Ein Flugzeug flog vorbei. Die weisse Spur malte Zeichen in die Helle, die ich nicht lesen konnte.

Die Sonne brannte weiter in meinem Rücken, als wollte sie mich in den Abgrund drängen. Ich rieb mir die schmerzenden Augen und blickte kurz nach unten. “Du darfst nie runter schauen! Nie!”, hörte ich innerlich die Stimme meines Lehrers. Ich konnte ihn nicht verstehen. Die Welt war so klein, dass ich sie problemlos in eine Streichholzschachtel hätte stecken können. Der See glich einer Pfütze und die Stadt sah aus wie eine Legokonstruktion. Ich runzelte die Stirn. Erstaunlich, wie viel ein kleiner Perspektivenwechsel bewirken konnte. Ging es den Vögel auch so? Kurz seufzte ich auf, als ich den Blick von diesem atemberaubenden Bild abwenden musste, um noch einmal alles zu überprüfen.

Dann trat ich nach vorne, streckte meine Zehenspitzen über den Abgrund hinaus und fühlte die Freiheit. Der Adler war verschwunden, alles war still. Ich nahm tief Luft, stiess mich vom Felsen ab und flog.