18.11.2011

Die Berglerin, die Höhen und Tiefen überwinden kann

Text von Carole Gröflin
2. Platz Kategorie II
Damaris Deck lebt gerne am Oberalppass: "Hier haben Noah und ich alles, was wir brauchen!" Sohn Noah ist ein richtiger Wirbelwind. Fotos: Carole Gröflin

Wanderer, Biker oder Skifahrer: Alle werden von Damaris Deck im Bergrestaurant auf dem Oberalppass bedient. Dort ist die 22-jährige Bündnerin bei Sonnenschein und Schneesturm anzutreffen. “Tink.ch” hat die Frohnatur einen Tag lang begleitet.

 

Es wird einem schlagartig noch wärmer auf der bereits sonnigen Terrasse des Bergrestaurants, wenn Damaris Deck an den Tisch herantritt. “Grüezi mitenand, kann ich Ihnen schon etwas zum Trinken bringen?”, kommt es in lieblichem Bündnerdialekt über ihre gepiercte Lippen. Strahlend sind nicht nur ihre blauen Augen; auch ihre grellorange Arbeitsbluse besticht. Ein echter Farbtupfer im Grün und Braun der Landschaft auf dem Oberalppass.

 

Hier auf über 2’000 Metern Höhe arbeitet Damaris während neun Monaten im Jahr. Ihre gebräunten Backen verraten, dass sie in letzter Zeit vor allem draussen serviert hat. Jetzt bedient sie noch Velofahrer und Biker, die die letzten schönen Herbsttage nutzen, um den Pass zwischen Uri und Graubünden zu überwinden. Bald werden sich die ersten Schneeflocken festsetzen, spätestens um die Weihnachtstage wimmelt es im Restaurant von hungrigen Schneesportlern. “Das ist dann meist die stressigste Zeit des Jahres”, sagt Damaris. Frühmorgens gehts für sie dann jeweils ans Schneeschaufeln und Vorbereiten der Terrasse, manchmal wartet auch der Gemüseschäler in der Küche auf sie. “Hier ist man nicht nur Kellnerin, vielmehr packt man überall mit an!”

 

Als sie mit 18 Jahren ohne Lehrabschluss im Bergrestaurant zu kellnern anfing, hatte sie noch Zweifel, ob diese Arbeit etwas für sie sei. “Gerne hätte ich eine Lehre zur Autolackiererin absolviert”, schwärmt die Dunkelhaarige. Doch dieser Wunsch blieb unerfüllt.

 

Wenn Damaris abends in ihr 15-Seelendorf im Tal zurückkehrt, dann wartet Noah zuhause auf sie. Noah ist fünf Jahre alt und geht seit diesem Sommer in den Kindergarten. “Mama!”, ruft der blondhaarige Bube Damaris zu, als diese aus dem Auto vor dem Haus ihrer Eltern steigt. Es ist ein altes Holzchalet, in welchem Damaris mit ihren fünf Geschwistern aufgewachsen ist.

 

Am hölzernen Küchentisch sitzen bereits Simon und Ester und warten auf das Abendessen. Mutter Iris hantiert in der Küche mit mehreren Pfannen. “Simon, kannst du bitte den Tisch decken?”, ruft sie ihrem 19-jährigen Sohn zu. Widerwillig tut dieser, was ihm befohlen wurde. Esther widmet sich weiterhin ihrer Zeichnung, während der blondhaarige Noah auf Inline Skates um die Ecke flitzt. Damaris ist ihm dicht auf den Fersen. “Ben, essen!”, ruft sie nachdem sie ihren Junior gestoppt hat. Da geht auch schon die Haustüre auf und Vater Rolf mit Hündin Eileen ist da. Sie haben noch im Stall nach den Ziegen und Eseln geschaut. Kurze Zeit später sitzen alle beisammen und das Stimmengewirr geht weiter. Noah verschwindet nach dem letzten Bissen gleich mit Esther in der Stube. Dort sitzt er nun mit seiner Tante, diegerade mal sieben Jahre älter ist als ihr Neffe, und brütet über einem Tierpuzzle. “Passt das?”, fragt er Esther und prüft, ob das vermeintlich richtige Puzzleteil einrastet. “Nein, Noah, das hat ja nicht einmal die gleiche Farbe!”, erwidert Esther bestimmt. Eine Szene, wie sie nur zu gut unter Geschwistern stattfinden könnte.

 

“Was für ein Tag!” Erschöpft sinkt Damaris auf ihr Sofa, nachdem sie die Küche aufgeräumt hat. Jetzt erst kann sie sich etwas vom hektischen Tagesgeschehen erholen. Und das ist bei ihr doch eher aussergewöhnlich: Neun Monate im Jahr ist sie “Servierdüse” auf dem Oberalppass, 365 Tage Mutter im Tal. “Das erste Jahr war besonders schwierig”, erinnert sich die 22-jährige Frohnatur. “Auf einmal musste ich auf vieles verzichten. Und das ist ja bekanntlich nicht das, was Teenager wollen.” Als sie mit 16 Jahren schwanger wurde, wollte sie es gar nicht wahrhaben. Bis in den fünften Monat hinein hat sie verdrängt, dass da ein neues Leben in ihr heranwächst. “Ich hatte damals gerade eine Lehre angefangen und ein Kind hätte alles über den Haufen geworfen.” Erschwerend kam hinzu, dass sie zu diesem Zeitpunkt keinen Kontakt mehr mit dem möglichen Vater hatte. “Erst als ich vermehrt auf eine mögliche Schwangerschaft angesprochen wurde, setzte ich mich mit der Wahrheit auseinander.” Familie und Freunde unterstützten sie von Beginn weg. “Bis heute ist das spürbar und es ist schön, wenn ich sehe, wie sie mit Noah schlitteln gehen oder im Café spielen.” Ihre Augen funkeln, wenn sie über ihren Sohn spricht: “Trotz aller Strapazen war seine Geburt der schönste Moment meines Lebens.” Die schiefen Blicke und das Getuschel im Dorf können ihr nichts mehr anhaben. Sie ist rundum zufrieden mit dem Lauf ihres Lebens. “Wenn ich nicht so früh Mami geworden wäre, dann hätte es mich vermutlich in die Stadt gezogen.” Doch könne sie sich keinen anderen Wohnsitz vorstellen. “Hier haben Noah und ich alles, was wir brauchen!”

 

Seit einigen Wochen ist Noah nun im Kindergarten. “Ich habe schon ganz viele Freunde”, erzählt der blonde Wirbelwind ganz stolz. Der Austausch mit den anderen Kindern tue ihm gut, ist seine Mutter überzeugt. Dass es speziell ist, eine junge Mutter zu haben, dessen ist sich Noah noch nicht so richtig bewusst. So ist er vor ein paar Tagen nach Hause gekommen und hat Damaris gefragt: “Mama, warum habe ich keine Geschwister?”

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